Das Teebeutel-Dilemma

Warum sich wildfremde  Menschen in die Erziehung hängen

„Meinen Sie nicht, dem Kleinen ist es viel zu kalt?!“
Das Jahr ist noch ganz frisch und noch frischer ist dieser Januartag. Ich stehe im Park, es sind knackige Minusgrade und mein fünfmonatealter Sohn liegt in seinem Wagen und schreit was das Zeug hält. Warum er das tut, kann ich euch auch nicht sagen. Er ist warm eingepackt in seinem neuen Lammfellsack, frisch gestillt und hat eine trockene Windel. Er schreit halt einfach, macht er manchmal. Natürlich bleibt seine Kakophonie nicht unbemerkt. Wir werden angestarrt, Spaziergänger gehen an uns vorbei, manche schütteln sogar missbilligend den Kopf. Doch angesprochen werden wir nicht. Bis jetzt.

Die Dame die nun zielstrebig auf uns zukommt sieht aus wie eine Geographielehrerin, wisst ihr was ich meine? Kurze graue Haare, praktisches Stirnband, noch viel praktischere Multifunktionsjacke und ein resoluter Blick. Nein, eigentlich könnte sie auch Sportlehrerin sein. Die Sorte, die dich früher in Unterhemd und Schlüpper hat turnen lassen, wenn du den Sportbeutel „vergessen“ hast. Und nun steh ich mit der strengen Sportlehrerin im Park und wir beide schauen in den Wagen. „Meinen Sie nicht, dass der Kleine viel lieber in der warmen Stube wäre??? Oder ist es ein Mädchen?“. Ich steh wie ein dummes Schaf angefroren im Schnee und die einzige Antwort die mir in dem Moment einfällt ist, „ja, es ist ein Junge.“. Wow, der habe ich es aber gezeigt, was? Schlagfertigkeit ist das, was dir nach drei Stunden in besagter warmen Stube einfällt. „Ach Mensch, das ist ja eine brillante Idee, vielen Dank, da wäre ich kleiner Dussel im Leben nicht drauf gekommen!“ Oder „Seh ich aus wie ne Bratwurst, dass Sie hier Ihren Senf dazugeben?!“. Doch nix dergleichen kommt mir über die Lippen und ich schiebe monoton den Wagen vor und zurück, in der stummen Hoffnung, dass der kleine Prinz bald aufhören möge zu schreien und uns beide aus dieser unangenehmen Situation befreit.

Nun denkt ihr vielleicht, bei der verbiesterten Dame im Park handele es sich um einen Einzelfall. Weit gefehlt. Wenn es um das Thema Kindererziehung geht, entpuppen sich überraschend viele Menschen als Teebeutel, sie hängen sich in alles rein. Freunde, Verwandte, Bekannte, deren Nachbarn und die liebe Bäckerreifachangestellte alle haben super tolle Tipps. Es ist aber auch ein ergiebiges Thema und jeder kennt sich damit aus, denn schließlich war man ja selbst mal Baby. So hagelt es Ratschläge zum Thema Stillen und Zufüttern, die richtige Erstausstattung, die perfekte Wickeltechnik etc. etc.

Mein allwissendes Beratungskomitee kennt DAS Hausmittel gegen den ersten Schnupfen, DIE richtigen Kniffe beim Stillen und natürlich DEN Tipp, wie das Baby mit Sicherheit schon mit drei Wochen durchschläft. Wenn das nicht klappt, dann liegt es nicht am Baby, nein das liegt dann eindeutig an mir.
Also träufle ich brav meine Muttermilch in die winzigen Nasenlöcher des verschnupften Babys. Und siehe da, nach nur 7 Tagen ist der Schnupfen weg. Hmm, wäre er das nicht auch ohne die Muttermilchkur gewesen?! Auf das Einreiben mit Schweineschmalz gegen Erkältung verzichte ich dankend.
Auch beim nächsten Ratschlag komme ich an meine Grenzen. Man soll dem Baby kalte Waschlappen auf die nackten Beinchen legen, damit es sich beim Stillen nicht zu viel Zeit lässt. Sorry, für dieses Baby-Guantanamo bin ich zu weich. Mission abgebrochen.
Bleibt noch der ultimative Einschlaftrick. Der Föhn! Ob man hier den richtigen Föhn nimmt, oder die Föhn-App (kein Witz gibt es wirklich), oder das millionenfach geklickte You-Tube-Video mit Mutterleibsgeräuschen. Wurscht! Fakt ist, bei diesen beruhigenden Geräuschen schläft wirklich jeder ein. Stimmt, also zumindest bei mir klappt es, ich lasse mich von dem sanften Gebrumm in den Schlaf föhnen. Das Baby nicht.
Und was mach ich? Ich beginne zu zweifeln. Mach ich denn alles falsch? Wieso verhält sich mein Baby nicht so wie es mir alle vorhersagen?

Mittlerweile sind 13 Minuten vergangen. Ich hab auf die Uhr gesehen. Die böse Sportlehrerin ist ein paar Schritte weiter gelaufen, dreht sich aber immer wieder zu uns um. Ich bin mir sicher, dass sie mich gleich beim Jugendamt melden wird. Doch das Baby ist hartnäckig. Das ist er immer. Löwe vom Sternzeichen, muss ich noch mehr sagen?! Er hat Durchhaltevermögen, doch ich auch und mein Atem ist länger. Meistens.

Versteht mich nicht falsch. Ich bin wirklich dankbar, dass so viele Menschen ihr Wissen mit mir teilen wollen, ehrlich. Die meisten meinen es doch wirklich nur gut. Allerdings kann ich nicht versprechen, dass ich wirklich alles eins zu eins übernehme. Schließlich bin ich das erste mal Mama und so möchte ich auch meine eigenen Erfahrungen und auch meine eigenen Fehler machen dürfen wie es schon Milliarden Frauen vor mir gemacht haben. Der kleine Mann und ich kommen nämlich eigentlich ganz prima zurecht und ich weiß genau wie ich ihn beruhigen kann und was zu tun ist, wenn es ihm nicht gut geht. Ich schaffe es auch am Abend immer dass er schläft. Wenn ich euch jetzt sage, wie ich das mache, schlagt ihr sicher die Hände über dem Kopf zusammen, denn genau so geht es, laut aller klugen Ratgeber, wirklich nicht. Vielleicht erzähle ich es euch beim nächsten mal.

Zurück im Park, an diesem kalten Januartag. Er ist eingeschlafen! YES! Eine gefühlte Ewigkeit hat es gedauert, doch ich habe gewonnen. Kluge Ratschläge hin oder her, am Ende des Tages kennt keiner das Baby so gut wie seine Mama.

14 Kommentare zu „Das Teebeutel-Dilemma

  1. Liebe Isabell, Gratulation zu Deinem hübschen Blog und dem süßen ersten Blogbeitrag. Das Teebeutel- Problem kenne ich jetzt schon – dabei ist das Baby noch gar nicht auf der Welt. Ich hoffe jedenfalls auf viel Mama- Inspiration, denn ich hab null Plan, was auf mich zukommt… Hab Dich gleich abonniert!
    Liebe Grüße von Susann

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    1. Liebe Susann, vielen Dank für das Lob und das Abonnieren. Da hast du völlig recht, das Dilemma startet ja bereits in der Schwangerschaft. 😉 Aber vielleicht sind ja auch ein paar wertvolle Ratschläge dabei. Lass es dir in der Kugelzeit gut gehen, ich denk an dich.
      Isabell

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  2. Ich habe schon lange nicht mehr mit so viel Freude einen Blogeintrag gelesen. Dem Teebeutel – Dilemma steht ein Sprichwort aus Afrika gegenüber, was ich von meiner Schwiegermutter oft gesagt bekommen habe: „Um ein Kind zu erziehen, braucht man ein ganzes Dorf“. Hat sie wohl als Rechtfertigung für ihre Weißheiten gebraucht. LG

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  3. Liebe Isabell, es hat soviel Spaß gemacht, deine Eindrücke zu lesen. Du schreibst unglaublich schön und wenn dir noch mehr auffällt, wie Mitmenschen uns im Alltag begleiten, vielleicht wird ja mal ein Buch daraus? Ich freue mich auch auf deinen nächsten Beitrag und kann nur bestätigen, du bist die beste Mama die sich euer Schatz wünschen kann.

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