Muttivation

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Der ganz normale Wahnsinn

Muttivation, Substantiv [die], bezeichnet die Superkräfte, die eine Mutti benötigt, um den ganz normalen Wahnsinn (genannt „Alltag“) zu überstehen.

Der Tag startet um kurz nach halb 7. Eine sehr humane Zeit. Heute Nacht habe ich bestimmt zwei Stunden am Stück geschlafen, eine gute Nacht! Ich fühle mich als könne ich Bäume ausreißen, bin also höchst muttiviert! Mein kleiner Wecker kräht schon seit Längerem neben mir, aber ich finde die Schlummertaste nicht. Leider. Also hebe ich ihn und mich aus dem Bett. Erst mal einen Kaffee! Während das schwarze Lebenselixier durch die Maschine blubbert, widme ich mich der Trockenlegung des Windelpopos. Mit Sorgfalt wird das Outfit des Tages gewählt. Das des Babys natürlich. Ich werfe mir den nächstbesten Pulli über. Huch, der hat ja Möhrchenflecken (ich hoffe inständig, dass es nur Möhre ist!).

Während der Babybespaßung im hauseigenen Indoor-Spielplatz, was früher unser Wohnzimmer war, schmiede ich Pläne für den Tag. Mannomann, bin ich muttiviert.

Ich werde Wäsche waschen und bügeln, hey bei der Gelegenheit könnte ich doch auch den Kleiderschrank endlich mal ausmisten. Danach gehe ich auf den Wochenmarkt und kaufe ganz viel gesundes Bioessen ein und dann probiere ich das tolle Jamie Oliver Rezept von neulich aus. Das alles erledige ich mit dem Wagen, dann kann der Prinz friedlich schlummern. Wenn der Kleine dann den von mir liebevoll gekochten Mittagsbrei verputzt hat, koche ich mir eine Kleinigkeit und schmökere kurz in der Astrid Lindgren Biografie. Ich hatte mir ja fest vorgenommen mehr zu lesen, wo ich doch schon mal den ganzen Tag mit Baby zu Hause bin. Am Nachmittag werde ich ne Runde Joggen gehen und arbeite an meinen After-Baby-Body, wie der Angelsachse sagen würde. Wusstet ihr, dass Heidi Klum nur zwei Monate nach einer ihren zahllosen Geburten wieder auf dem Laufsteg stand? Und was die kann … Vielleicht fülle ich dann auch gleich das Online-Formular für den Halbmarathon im April aus. Und wenn dann der große Herr des Hauses Feierabend hat, wird das Baby frisch gebadet und bettfertig auf ihn warten, es gibt selbstgekochten Abendbrei für den Minimann und für uns Große steht auf dem Tisch unser 3-Gänge-Menü. Hach, das wird ein toller Tag!

Oh nein, jetzt ist es ja doch schon um 9, jetzt aber mal los, sagt die Muttivation, wir haben große Pläne. Ich nippe an meinem längst erkalteten Kaffee, doch das tut der guten Laune keinen Abbruch. Schließlich haben wir einiges vor. Das Baby ist nach all dem Spielen wieder müde, also ab in den Kinderwagen. Wie sagt Hape Kerkeling, „der Junge muss an die frische Luft!“. Nach schlappen 15 Minuten steckt er in seinem Winteranzug (wir nennen ihn auch den „Anzug der Schande“, weil er jedes mal einen Heulanfall bekommt, sobald er ihn tragen muss).

Zum ersten mal am heutigen Tag erlebe ich eine kleine Muttivations-Flaute, mein Magen knurrt, mein Outfit lässt schwer zu wünschen übrig und ich muss raus in den grauen Februar-Nieselregen. Nützt nix!

Also packe ich das schmollende Baby und stapfe die 53 Stufen runter in den Keller. 2 Türen aufschließen, Kinderwagen die Treppe hochhieven, abstellen, schnell beide Türen wieder abschließen. Ich erinnere euch kurz, dass ich dabei knapp 10kg Lebendgewicht im Arm halte. Ab in den Wagen, das ganze Haus weiß von unserem Ausflug, denn mein schreiendes Baby macht deutlich, dass er jetzt mal so gar keinen Bock darauf hat.

Morgens halb zehn in Deutschland, kein Knoppers, aber vor die Tür habe ich es zumindest geschafft, wo ich die nächsten 10 Minuten stehen werde und den Wagen vor und zurück schiebe (ihr erinnert euch an Das Teebeutel-Dilemma). Egal, ich habe große Pläne, ab auf den Markt.

Der Marktbesuch läuft nicht so harmonisch wie erhofft. Käse-Maik preist seine Waren lauthals an, sodass der Prinz erwacht. Oh oh, jetzt heißt es schnell handeln. Also hetze ich im Dauerlauf von Stand zu Stand. Zu Hause stelle ich fest, die Hälfte der Zutaten für mein perfektes Abendessen habe ich vergessen.

Mein hohes Level an Muttivation ist drastisch gesunken, Essen muss her, aber schnell! Das Baby ist, wie immer, zuerst dran. Ihr erinnert euch, wir haben mit Brei angefangen (Immer nur derselbe Brei?!). STOP! Hab ich gerade „wir“ gesagt?! Ich will nicht eine von den Mamas werden die nur noch im Plural reden. „Wir können auch schon krabbeln und wir brauchen keine Windel mehr.“ „Das will ich doch hoffen, Sie sind 32 Jahre alt!“
Oder kennt ihr das, wenn der Arzt euch fragt, „na, was fehlt UNS denn?“ „Ich weiß nicht wie es Ihnen geht, aber ich habe Menstruationsbeschwerden, HERR Doktor.“ Ich schweife ab, zurück zum Thema.

Das Mittagessen landet teilweise im Magen meines kleinen Sohnes, ein kleiner Erfolg. Mein herbeigesehntes Essen muss warten, denn soeben ertönt der große Windeldonner. JUHU! Darauf warte ich schon seit 2 Tagen. Wahnsinn, womit man mich inzwischen erfreuen kann. Also Boxenstopp am Wickeltisch. Es ist schlimmer als gedacht. Viel schlimmer! Es hilft auch nicht, dass seine Hände zielstrebig in den Windelinhalt greifen und alles auf dem kleinen Bauch verreiben. Ach du Sch….ande. Was für eine Sauerei! Mit Feuchttüchern werde ich dieser Lage nicht Herr.

Also ab in die Badewanne, mitten am Tag. Das Baby quitscht vergnügt, na wenigstens hat einer von uns beiden Spaß. Das zweite Outfit des Tages muss her und auch ich muss mich dringend (!) umziehen.

Die Mittagsshow war ziemlich anstrengend. Für das Baby, versteht sich. Er gähnt. Und weil es sich am schönsten schläft solang der Wagen rollt, geht die ganze Prozedur von vorne los. „Anzug der Schande“, 53 Stufen, 2 Kellertüren und weitere kraftzerrende Akte später stehe ich wieder vor der Tür. Es ist 15 Uhr, Joggen stand auf meiner Mutti-To-Do-Liste. Wenn ich jetzt 2 Stunden stramm durch den Park marschiere, dann ist das doch genauso effektiv, oder?

Es ist nun spät am Nachmittag, meine Muttivation habe ich seit ein paar Stunden nicht mehr gesehen. Ich schaue immer wieder auf mein Handy. Wann kommt denn endlich mein Mann nach Hause?!

Als sich am Abend der Schlüssel endlich im Schloß dreht weiß ich gar nicht wer sich mehr freut. Das Baby über seinen Papa, er über seinen Sohn? Oder ich über den Beistand? Zwischen dem Dreckgeschirr in der Küche bereite ich den Abendbrei zu. KLACK, macht das selbstgekaufte Gläschen. Vielleicht koche ich ja morgen den Abendbrei.

Die Raubtierfütterung und anschließende Pyjama-Parade übernimmt glücklicherweise der Papa.

20 Uhr, Chefchen schläft endlich und meine Muttivation liegt weinend unter dem dreckigen Wäscheberg. Vom Bäume ausreißen bin ich meilenweit entfernt, aktuell fehlt mir die Kraft ein Gänseblümchen zu pflücken.

Meine kinderlosen Freundinnen fragen mich oft, was ich denn so mit dem ganzen Tag anfange und ob mir nicht langweilig sei. Darauf fällt mir nie die passende Antwort ein.

Und dabei habe ich bislang nur ein Kind!!! All ihr Muttis da Draußen, ob alleinerziehend, mit Partner, berufstätig, mit einem Kind, zwei Kindern, Zwillingen, Drillingen, pubertären Teenagern usw. lasst euch eins gesagt sein: Ihr seid ROCKSTARS! Ich verneige mich ehrfürchtig!

Das 3-Gänge-Menü musste weichen, es gibt Pizza. Aus dem Gefrierfach. Egal, jetzt habe ich Feierabend, da kann nix meine Stimmung trüben, denke ich mir. In dem Moment, meldet sich eine zarte Stimme aus dem Babyphone …

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An dieser Stelle danke ich meinem kleinen Co-Autor für die tatkräftige Unterstützung!
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Alles eine Frage des Blickwinkels. Wie gut, dass die Wäsche nicht sauber gefaltet im Schrank liegt, sonst gäbe es nicht so einen herrlichen Kletterberg.
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Zum Joggen habe ich es die Tage dann doch noch geschafft.

12 Kommentare zu „Muttivation

  1. Es gibt Tage im Jahr, die sind trüb, nebelig und einfach nur deprimierend. Aber wenn ich dann einen neuen Beitrag von Dir lese, ist die Welt wieder in Ordnung. Die Sonne scheint zwar immer noch nicht, aber ich habe Tränen gelacht. Es ist einfach nur herrlich, an eurem Familienalltag Teil zu haben. Mach weiter, ich mag diese Beiträge!

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  2. Herrlich! Einfach herrlich! Ich hab mich sehr amüsiert und für eine Sekunde vergessen, dass das Baby schubt und ich heute noch kaum was gegessen hab und der Mann echt mal langsam von der Arbeit kommen könnte. Danke! Knutscher!

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  3. Großes Kompliment – Dein Stil ist wirklich toll, Bella!
    Ich kann die Muttivation zu 100% nachempfinden, Tag für Tag!
    Ich freue mich auf Mittwoch.
    Liebst, Resi :-*

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  4. Muttivation und alle Rocksstars voraus!!!!
    Ich kann mir auch nicht erklären wie seit Jahrtausenden alle Mamas das schaffen, man mit einem oder zwei Kindern bereits völlig aus dem Stiefel kippt, während früher acht um einen rumgesprungen sind. Allein das Geplärr von acht. Allein bei der Vorstellung stellt sich fiepsender Tinitus ein und ich magere augenblicklich um 15kg ab, weil wann soll man selbst eigentlich noch essen (obwohl bei acht bleiben dann auch mehr angelutschte Kinderessenreste übrig, da bin ich ja stets gezwungen, mich drüber herzumachen – wer weiß, wann es den nächsten Happen gibt :-D)

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