Ihr Kinderlein kommet

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Auch in meinem Heimatdorf, mangelt es dem Kindergarten nicht an Nachwuchs.

Das Kind in der Krippe. Es beschäftigt junge Eltern nicht nur in der Weihnachtszeit, sondern das ganze Jahr lang.

Kommt es euch auch manchmal so vor, als wäre man sein Leben lang auf der Suche? Die Suche nach der perfekten WG (bezahlbar und Mitbewohner die dir nicht das Essen klauen), die Suche nach dem perfekten Partner (gutaussehend, gebildet, witzig und paarungswillig), die Suche nach dem perfekten Job (viel Geld, viel Freizeit) und so weiter.

Die Liste haben wir bislang Stück für Stück abgearbeitet, doch es hört nicht auf. Nun suchen wir den perfekten Krippenplatz, unsere Ansprüche: winzig!

Während sich andere junge Eltern sehr gewissenhaft damit auseinandersetzen in welche Einrichtung sie ihre kleinen Prinzen und Prinzessinnen geben wollen stehen wir etwas ratlos daneben. Was muss denn so ein Kindergarten können?

Also erstmal sagt man nicht mehr Kindergarten sondern KiTa. Viel cooler uns so! Okay, geht in Ordnung. Und dann schaut man, welches pädagogische Profil dieser KiTa zugrunde liegt. Ah ja!

Multilinguale KiTas in denen Englisch, Spanisch und Mandarin unterrichtet wird. Freie Konzepte, Waldkindergärten, Montessori- oder Waldorfkindergärten. Geigenunterricht für den talentierten Dreijährigen, Yoga für Hosenscheißer, Work-Life-Balance für das gestresste Kleinkind. Die Liste ist endlos!

Meine Eltern haben sich all diese Gedanken nicht gemacht. Es gab eine Krippe und einen Kindergarten. Da fiel die Auswahl nicht schwer. Und da kam keine Mutter auf die Idee zu fragen, „entschuldigen Sie, nach welchem Konzept erziehen Sie hier die Kinder?“ Nee, da wurde man abgegeben und aus.

Unsere Kindergärten hießen „Sputnik“ oder „Pittiplatsch“ und wir gingen in die Bummi-Bär-Gruppe, oder die Gruppe der kleinen Füchschen.
Wir haben gemeinsam gefrühstückt, gespielt, und gesungen. Unsere Jäckchen hingen an einem bestimmten Haken, der mit einem Bildchen gekennzeichnet war. Alle wollten den Teddy oder das Auto. (Was hatte ich? Den Würfel! So ein doofes Bild. Ein Würfel … Sollte mir wohl damals schon sagen, manchmal verliert man und manchmal gewinnen die anderen.)
Wir haben gemeinsam Mittagsschlaf gemacht, ob wir wollten oder nicht. Da gab es keine Gleitzeit und kein vielleicht. Die einzige Ausnahme, man war „Mittagskind“. Kennt ihr das noch? Wenn du nach dem Mittagessen abgeholt wurdest, warst du der Held im Erdbeerfeld. Ich war nie Mittagskind …
Wir waren viel draußen, immer. Bei Wind und Wetter. Und wir hatten unsere festen Gruppen, bei Tante Jutta, Tante Gudrun oder Tante Friedel. Ja, so haben wir unsere Erzieherinnen genannt. Und es war herrlich. Ich denke gerne an meine Zeit im Kindergarten zurück. Und genau so etwas wünsche ich mir für meinen Mini. Ein ganz einfacher Kindergarten mit großer Spielecke, kleinen Stühlen und Tischen, niedrigen Klos und kleinen Bettenreihen. Und einen festen Platz bei den Marienkäfern, oder den kleinen Entchen. Mehr nicht. Kein Konfuzius kein Schnick Schnack.

Doch ich wohne ja (leider?) nicht mehr auf dem Dorf, sondern im schönen Leipzig, wie ihr wisst. Hier läuft das etwas anders. Wir mussten bei der Stadt eine Bedarfsanmeldung einreichen, für höchstens fünf KiTas. Haben wir gemacht. Sorgfältig ausgewählt. Stundenlang haben wir Erziehungsratgeber gewälzt und uns kritisch damit auseinandergesetzt welches Konzept am ehesten dem Wesen unseres Sohnes entspricht. Haha, Späßchen. Wir haben Google Maps aufgerufen und geschaut welche KiTa am nähesten ist.

Eine von fünf Einrichtungen hat sich gemeldet. Immerhin. Wir wurden zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Ja richtig! Casting im Kindergarten. Wie bereitet man sich denn auf so ein Gespräch vor? Ich habe meinem Minimann eingeimpft, dass er sich benehmen und ganz drollig gucken soll, sodass sie ihn am liebsten gleich dabehalten wollen. Außerdem habe ich mich von anderen Mama’s coachen lassen. Der wertvollste Tipp kam von meiner Freundin Nici. Sie sagt, „habe einfach gar keine Ansprüche. Null. Nimm was du kriegen kannst und sei dankbar und demütig!“

Ihr sagte man bei einem ihrer Kindergartenvorstellungsgespräche „Wenn Sie glauben, dass wir mit den Kindern in den Tierpark gehen, oder Ihnen blöde Karten zum Muttertag basteln, haben Sie sich geschnitten. Für so einen Firlefanz haben wir hier keine Zeit!“ (Das ganze müsst ihr euch nun im breitesten Sächsisch vorstellen, da will man die nette Dame doch einfach umarmen, oder?) Und was war die einzig richtige Antwort? „Vielen Dank das klingt herrlich!“

Mit diesem Dialog im Hinterkopf wandere ich zu unserem Vorstellungsgespräch. Vor mir stehen noch ca. 8 andere verzweifelte Eltern, es herrscht wirklich eine Atmosphäre wie bei einem Casting. Man mustert sich gegenseitig und rechnet sich heimlich seine Chancen aus. Hoffentlich höre ich den Satz:

„Glückwunsch, Sie sind im Recall!“

„Ich habe eine Rose für dich.“

„Du bist eine Runde weiter im Rennen Germanys next Top Krippenkind zu werden.“

Oder was auch immer die positive Antwort wäre. Gleich sind wir dran. Ich bin so nervös wie bei einem Jobinterview. Jetzt heißt es glänzen. Babymann, lächeln und winken, okay? Ansprüche nach unten schrauben, Schultern zurück! Keine selbstgemalten Bilder, keine Zoobesuche, Hauptsache ein Platz. Und los.

„Guten Tag, wen haben wir da?“

„Schönen guten Tag. Ich bin Isabell und das ist Raphael.“

„Alles klar, Nummer 186. Ich hätte gerne den Arbeitsvertrag von Ihnen und Ihrem Mann.“

„Die habe ich nicht dabei, kann sie aber umgehend per Mail senden.“

„Sehr schön, wir melden uns im April, ob es geklappt hat. Schicken Sie bitte den nächsten rein?!“

Bitte was? Das war’s? Ich wollte doch über Konzepte fachsimpeln und mit meinem Halbwissen glänzen. Das Baby hätte auch einen kleinen Trick aufführen können. Und niedliche geguckt hat er auch noch nicht. Ich hab das Gefühl, wir haben nicht das Maximum aus unserem Casting rausgeholt. Einen Versuch starte ich noch,

„ähm, haben Sie auch einen Spielplatz?“

„Ja, zu Tür raus links. Nächster BITTE!“

Und das war’s. Obwohl meine Erwartungen winzig klein waren, wurden sie untertroffen.

Und wieso überhaupt soll ich unsere Arbeitsverträge einreichen? Hat denn nicht jeder einen Anspruch auf einen Krippenplatz?[1] Eine Insider-Mama verrät mir, dass die Krippen genau aussuchen, wer nach Ihrer Ansicht einen Platz verdient hat. Die sogenannten „Luxusmamas“ zählen nicht dazu, das sind nämlich Mütter, die eigentlich nicht arbeiten müssten, weil der Mann genug verdient. WAS? Was soll das denn bitte?
Doch irgendwie müssen die armen Menschen in den Einrichtungen ja auswählen.

Nur mal ein Beispiel, in einem der Kindergärten in Leipzig gibt es für den August 2017 noch 2 Krippenplätze. Und dafür sind 300 Bewerbungen eingegangen. Ihr habt richtig gelesen, drei null null!

Was für eine Odyssee! Als ob es nicht so schon schwer genug wäre, sein Kind in die Krippe zu geben. Fällt nur mir dieser Gedanke so schwer? Ich soll meinen Babymann bei völlig Fremdem abgeben?! Ich will ja nicht klammern und auch keine total Glucke sein, aber die Chemie zu den Erziehern sollte doch mindestens stimmen. Meine Kindergärtnerin kann heute noch jede noch so peinliche Töpfchen-Anekdote über mich auspacken und betreut mittlerweile bereits die dritte Generation von einer Familie! Gut, das ist absoluter Luxus, ist mir schon klar.

Vielleicht kommt ja doch eher eine Tagesmutter für uns infrage. Oder gerne auch ein Tagesvater, wir wollen hier mal nicht diskriminieren.

Wer mich kennt, der weiß, ich bin ein positiver Mensch. Weder „das Glas ist halb voll“ noch „das Glas ist halb leer“, sondern „es ist noch Platz im Glas“. Ich bin also voller Hoffnung.
Hoffnung, dass George Clooney eines Tages eine romantische Komödie dreht und nicht immer nur diese Männerfilme.

Hoffnung, dass Forscher irgendeiner schlauen Universität herausfinden, dass Pommes rot-weiß das gesündeste Lebensmittel unter der Sonne ist.

Und Hoffnung, dass es für meinen Babymann auch eine Tante Jutta gibt.

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Mein Babymann und seine „Gang“ im schönen Thüringen. Wenn er doch nur hier in den Kindergarten gehen könnte …
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Doch auch in Leipzig gibt es wunderschöne Ecken für kleine und große Abenteurer. Der Spielplatz am Zooschaufenster im Rosental.

[1] Seit 1. August 2013 gibt es in Deutschland gemäß § 24 SGB VIII einen Rechtsanspruch auf einen Kindergarten-/Krippenplatz für Kinder vom vollendeten ersten Lebensjahr bis zur Einschulung.

13 Kommentare zu „Ihr Kinderlein kommet

  1. Hallo Liebes 😀 DU schreibst so herrlich, ich freue mich jedes mal wenn du einen neuen Post fertig hast, mache mir sogar extra Tee und hole was zu Naschen um dann ganz in Ruhe deine Storys zu lesen – So viel Aufmerksamkeit bekommt manchmal nicht mal mein Mann *lol* Aber im Ernst, ich liebe es so sehr wie du schreibst! Du solltest mal überlegen ein Buch zu schreiben /einen etwas anderen ehrlichen Elternratgeber 😀
    Kurz mal zum Thema zurück: Kita und Kiga ist wirklich ein Thema bei dem es glaub ich allen Eltern die Haare zu Berge steigen lässt .. Wir haben hier auf dem Dorf zwar nicht soooo dolle Plätzemangel wie ihr – aber ich sag dir was, wenn du denkst das ist schon die Herausforderung dann warte ab bis sie dort sind 😀 Das wird dann auch nochmal schön (nicht) wenn man plötzlich merkt das man mit bestimmten Sachen nicht konform geht … Aber da müssen wir nunmal alle durch , die Kinder und die Eltern 😉 Freue mich schon auf deinen nächsten Artikel, ich hoffe er ist schon in Arbeit ? .. Man kann ja mal unauffällig diese Frage einbauen 😀

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    1. Ach meine liebe Jenni, du weißt gar nicht wieviel mir deine lieben Worte bedeuten. Es ehrt mich ungemein, dass du meinen Artikeln so viel Aufmerksamkeit zuteil werden lässt. Ich danke dir! Auf die Herausforderungen in der KiTa bin ich ja jetzt schon gespannt, wenn wir eines Tages einen Platz bekommen.
      Und ja, der nächste Artikel ist in Arbeit, ich schreibe immer dann, wenn der Babyboy mir etwas Luft lässt. Also bislang nicht so oft, wie ich gerne würde! 😉

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  2. Wieder mal ein wunderbarer Beitrag von dir.
    Ich drücke euch ganz fest die Daumen , das es mit einem Krippenplatz für euren kleinen Prinzen klappt.
    Wenn nicht, solltet ihr euch wirklich überlegen, wieder in die Heimat zurück zu kommen. Dann gibt es wahrscheinlich eine Tante Jutta , Karola, Gudrun oder wie auch immer und keiner will die Arbeitsverträge der Eltern sehen.

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