Das erste Mal ohne

Mein erstes Wochenende ohne Baby.

Nun bin ich seit 256 Tagen die Mama von Mini-E. Mit Herz und Seele und nahezu im Dauereinsatz. Das bedeutet übersetzt, seit über acht Monaten keine ruhige Nacht. Das muss man sich mal vorstellen! Vor ein paar Tagen habe ich gelesen, dass Eltern in den ersten beiden Lebensjahren ihrer Sprösslinge 6 Monate Schlaf verlieren. SECHS MONATE! Und wenn da Eltern steht, weiß natürlich jeder, dass damit der weibliche Teil der Eltern gemeint ist. Nix für ungut, liebe Papas!

Warum ich euch das alles erzähle? Das Muttertier in mir sollte eine Pause bekommen. Ein waschechtes Mädelswochenende. Nämlich ein Junggesellinnenabschied in Berlin inklusive Übernachtung. Ich war so aufgeregt, so voller Vorfreude, dass ich den Tag vorher schon wie ein Duracell-Häschen auf Koks durch die Wohnung gehüpft bin. Endlich mal wieder nur Ich. Qualitytime, hach wir schön das schon klingt!

Um mich auf das Wochenende einzustimmen wollte ich mir am Abend zuvor ein langes Vollbad gönnen, inklusive Haarkur, Maniküre, Pediküre und Gesichtsmaske. Dazu ein Album von Nora Jones im Ohr. Ne runde Sache.

Na, müssen die Muttis unter euch an dieser Stelle schon herzhaft lachen? Kam natürlich nicht dazu, ist ja klar. Der kleine Unruhestifter hat den Braten längst gerochen und alles daran gesetzt meine ausgeklügelten Plan zu boykottieren. Den ganzen Tag über gab es Zirkus und abends Theater. Als er um halb zehn immer noch nicht schlief bin ich schnaubend und türenknallend im Bad verschwunden, um eine Katzenwäsche zu machen. Adieu Vollbad.

Er wollte mir den Abschied wohl besonders leicht machen. Nach einer fürchterlichen Nacht springe ich morgens voller Elan aus dem Bett.
Heute wird mein Tag, komme was wolle!
Schnell noch ein paar Sachen in die Tasche werfen und ab in die Zauberkugel, muss ja nicht gleich jeder sehen, dass ich eigentlich ein Mombie (= Mom + Zombie) bin.

Ein Blick in den Badezimmerspiegel. Könnte schlimmer sein. Ich habe rausgeholt was ging. Jeder Gebrauchtwagenverkäufer wäre stolz auf meine Tricks.
Im Sprint geht es an den Frühstückstisch, wo ich ein Brötchen und Kaffee inhaliere. Meine beiden Männer schauen mich mit großen Augen an. Nun ist der Zeitpunkt des Abschieds gekommen. Man muss das machen, wie mit einem Heftpflaster. Schnell ab! Also bekommt jeder einen herzhaften Schmatzer und los geht’s. An der Tür dreh ich mich doch noch mal um, das war ein Fehler! Kennt man doch aus jedem Film wo Knastis nach Jahren aus dem Gefängnis entlassen werden, bloß nicht zurückblicken!!! Ich schaue in vier verzweifelte Augen und vernehme ein leises Wimmern. Oh oh, ich merke wie ich schwach werde.

Nein, heute ist mein Tag und nix kann mich stoppen!

Als ich endlich vor dem Haus stehe bin ich bis zum Rand gefüllt mit Vorfreude und Koffein. Wenn da jetzt noch ein Schluck Prosecco dazu kommt, gibt es kein Halten mehr.

Liebe LeserInnen, schnallt euch an!

Meine Freundin Mona, deren Tag es heute eigentlich ist, wird standesgemäß von 14 partywütigen Mädels nach Berlin begleitet. Auf der 90 minütigen Autofahrt schaue ich kein einziges Mal auf mein Handy. Die beiden Jungs bekommen das schon hin.

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Die Lobby des H10 in Berlin, ein empfehlenswertes Hotel.

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Im Hotel angekommen gibt es dann den langersehnten Prosecco. Dass ich ein wenig aus der Übung bin, was das Trinken angeht, muss ich wohl nicht erwähnen. Bis auf ein Gläschen an Silvester und an Karneval habe ich nichts getrunken. Ich werde heute ein sehr günstiger Gast. Ein Glas Schmampus und ich sing versaute Lieder! Nein, soweit darf es natürlich nicht kommen. Was hilft ist eine gute Grundlage.

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Der erste Prosecco des Tages. Er sollte noch Gesellschaft bekommen …

Also zieht die ganze Mädelsclique über den Ku´damm in Berlin zu einem sehr feinen Italiener. Wir sitzen in lauschiger Atmosphäre zusammen. An unseren Tischen gackert es wie im Hühnerstall, irgendwo im Hintergrund dudelt Felicita und unser Kellner Daniel sorgt dafür, dass unsere Gläser nie leer sind. Wir schlemmen, quatschen und sind leicht angeschickert. Ein perfekter Samstag sozusagen.

Im Gespräch mit den anderen Mädels erzähle ich natürlich von meinem süßen Sohn. Voller Stolz hole ich mein Handy hervor, um Bilder von ihm zu zeigen. Bei seinem Anblick ist es um mein Mutterherz geschehen. Ich spüre den Kloß in meinem Hals, prompt schießt Milch ein und ich würde am liebsten sofort zurück nach Leipzig düsen. Seinen kleinen warmen Körper an mich schmiegen. Ja, ihr habt absolut recht, ich bin eine totale Glucke. Merke ich selbst. Deswegen packe ich das Handy weg! Wie war das?

Heute ist mein Tag und nix kann mich stoppen!

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Fantastisches Essen, für mich gab es Trüffel Spaghetti. Ein Gedicht!

Der nächste Programmpunkt steht an. Wenige hundert Meter vom Restaurant entfernt befindet sich ein thailändisches Massagestudio (ganz seriös, nix Erotik!). Das ist für die nächsten 2 Stunden für uns gebucht. Gleich vier Damen stehe uns zur Verfügung. Es gibt Fußbäder, Mani-Pedi, und göttliche Massagen. Alle Mädels die aus der Knetstube kommen haben einen leicht entrückten Gesichtsausdruck und brauchen erst mal einen Kreißlaufsekt (das hilft übrigens immer).

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Selbst der Nagellack hat sch heute für uns rausgeputzt!

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Nun bin ich an der Reihe. Die Dame, die mich mit in den Massageraum nimmt, ist ein wenig zu kurz für ihr Gewicht. Mit Händen, die einen ausgewachsenen Bullen erdrosseln könnten, malträtiert sie meinen Rücken. Dann steigt sie auf mich drauf! Komplett! Mit etlichen Kilos Lebensgewicht. Ich ächze unter ihrer Last. Doch sie weiß was sie tut. Mir hat noch niemals jemand schöner wehgetan. Das klingt jetzt sehr nach 50 Shades of Thai-Massage. Wer schon mal eine hatte, weiß aber was ich meine, oder?

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Sieht gefährlich aus, fühlt sich aber einfach nur himmlisch an!

Nach der Massage sehe ich aus, wie durch alle Zäune gezogen! Wie gut, dass eine Visagistin vor Ort ist, um den Schlamassel zu beheben.

So, nun keine Müdigkeit vorschützen! Der Tag ist noch jung und wir sind es auch, zumindest sehen wir dank der Visa so aus.
Jetzt gibt es einen kurzen Stopp in unserem Hotel, um uns für die Abendveranstaltung herauszuputzen. Im Hotelzimmer 214 angekommen entdecke ich den Teddy Theo meines Babymanns, den ich einfach mitnehmen musste. Er riecht nach ihm! Nun kämpfe ich aber doch mit den Tränen. Ich vermisse ihn so sehr. Und wir sind gerade mal 8 Stunden und 13 Minuten voneinander getrennt! „Oh Mann, Isabell! Reiß dich mal zusammen! Einmal Ausgang in acht Monaten, das muss ja wohl drin sein. Jetzt rüsch dich auf, und dann hab Spaß!“ Das sagt die Stimme in meinem Kopf. Okay, na gut. Dann habe ich jetzt halt Spaß.

Es fällt mir auch nicht sonderlich schwer, denn schon hält die pinkfarbene Limousine vor der Hotellobby. Richtig gelesen, eine pinkfarbene Hummer Limousine zum Junggesellinnenabschied, was für ein Klichee! Aber Klichees müssen bedient werden meine Lieben, da sind wir uns nicht zu schade für. Im Inneren der Limo dröhnen die Backstreet Boys aus den Boxen, die Decke ist verspiegelt, und die Sektgläser hängen feinsäuberlich über der Bar und warten darauf, von uns gefüllt zu werden. Obwohl wir in Berlin sind, und die coolen Hauptstädter einiges gewöhnt sein müssten, werden wir an jeder Ampel fotografiert. Also nicht wir, der Wagen. Sind sicher auch alles Touris wie wir. Apropos Touris, vor dem Brandenburger Tor müssen wir einfach ein Foto von uns knipsen. Und ich sag euch was, selbst wenn man versucht das alles peinlich und ach so vorhersehbar zu finden, wenn man mittendrin steckt macht es einfach nur Spaß!

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And girls just wanna have fun!
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Wusste ich es doch, das Partyhuhn schlummert noch in mir.

Langsam aber sicher nähern wir uns der heißen Phase des Tages. Und das meine ich im doppelten Sinne. Es geht auf den Abend zu. Das heißt Bettgehzeit für Papa und Pupsi und nackte Ärsche für Mama!

Jetzt bin ich aber doch ziemlich nervös. Ja, wegen Männerhintern. Und zwar dem winzig kleinen Hintern meines Babys, der sich nun ins Bett schwingen muss. Das ist eine Premiere. Bislang habe immer ich ihn ins Bett gebracht.

Die Mädelsclique sitzt mitten im Wildhouse in Berlin. Einer Männerstripshow á la Magic Mike. Die Stimmung ist aufgeladen, es knistert förmlich in der Luft. Außer uns, haben noch ca. 200 andere Mädels Platz genommen (fast ausschließlich Junggesellinnenabschiede). Es brodelt, so wie kurz vor Beginn eines Justin Bieber Konzertes (nicht dass ich schon mal da gewesen wäre, aber so stelle ich es mir vor). Die Luft ist geschwängert von Testosteron, billigem Parfüm und Kokosöl. Alle um mich herum sind heiß wie Frittenfett.

Und was mache ich?! Ich starre wie gebannt auf mein Handy. Wie geht es wohl meinen Jungs zu Hause? Was mache ich, wenn der Kleine nicht schläft? Wie viel wohl ein Taxi von Leipzig nach Berlin kostet? Es ist 20:12 Uhr. BING. Neue Nachricht. Der Kindsvater:

„Ich habe 10 min gebraucht bis er geschlafen hat. Aber jetzt schläft er tief und fest“

Wie bitte was? 10 Minuten? Während ich häufig über eine Stunde damit zubringe das Baby ins Bett zu bringen??? Insgeheim habe ich mich ja ein bisschen gefreut, dass mein Mann zur Abwechslung mal den ganzen Ärger mit dem Bettchengehen an der Backe hat. Soll er mal sehen, wie es mir immer geht! Und da schläft das Baby nach 10 Minuten?! Diese kleine Kröte!

Ach was soll’s, ich sollte mich freuen! Mache ich auch. Handy in die Tasche! Die Show kann beginnen.

An dieser Stelle werde ich euch die Details der Men-Strip-Show ersparen, aus Rücksichtnahme auf meine männlichen Leser („Hallo Papi!“). Nur so viel. Es war verdammt heiß, wortwörtlich. Die Show dauerte 90 Minuten. Ne halbe Stunde nackte Männer hätten zwar auch gereicht, doch das sahen viele Mädels im Wildhouse ganz anders. 😉

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Mit diesem Motto werden die Gäste im Wildhouse begrüßt. Die meisten Besucherinnen scheinen sich daran zu halten.
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Dieses Foto ist das einzige, was ich euch ohne weiteres zeigen kann.

Mittlerweile war es in der Hauptstadt dunkel geworden. Die wilde Partynacht konnte beginnen. In einem sehr angesagten Club auf dem Ku’damm, dem The Pearl, feierten wir weiter. Wir feierten unsere Freundin, die zukünftige Braut, wir feierten uns, das Leben im Allgemeinen. Und ich und die anderen Muttis der Truppe feierten den Ausgang!

Lady Gaga statt Lalelu, Sekt statt Selters.

Auch diese Nacht sollte kurz werden, doch der Grund dafür war mal kein weinendes Baby.

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Pssst! Niemand weckt die schlafenden Muttis.

Wir tanzten bis uns die Füße qualmten. Ich hätte die Nacht auch zum Tag machen können, wo kam nur die ganze Energie her? Doch ich freute ich mich auch tierisch auf das große bequeme Hotelbett, welches ich heute Nacht mit niemandem teilen musste. An tiefen Schlaf war allerdings nicht zu denken. Ich wachte ständig auf, schaute auf mein Handy ob es einen Hilferuf aus Leipzig gab und wälzte mich von der einen Seite auf die andere.

Am nächsten Morgen fühlte ich mich noch unausgeschlafener als sonst. Na toll, so hatte ich mir meine erste Nacht ohne Baby nicht vorgestellt. Und überhaupt, in mir stieg die Unruhe. Jetzt bin ich ja wirklich schon lang genug von meinem Baby getrennt, ich will nach Hause!

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Ein ganz feines Frühstück gibt es im Café Literaturhaus. Eine hübsche Villa mit großem Garten, mitten in Berlin.

Nach dem Frühstück konnte es für mich gar nicht schnell genug gehen. Ab auf die Autobahn und nix wie nach Hause.

Im strahlendem Sonnenschein kamen wir wieder in Leipzig an. An der Ecke zu unserer Straße sprang ich aus Lisa’s Auto. Ich rannte zum Haus, nahm im Treppenhaus gleich zwei Stufen auf einmal und stand endlich vor unserer Wohnungstür.

Meine beiden Männer warteten bereits im Flur auf mich. Der Minimann sah mich und sprang vor Freude fast aus Papa’s Armen. Mir kullerten Tränen über das Gesicht und ich drückte meinen kleinen Sohn ganz fest an mich und schluchzte in sein kleines Ohr „Hallo mein Schatz! Ich lass dich NIE wieder alleine!“

28 Stunden und 47 Minuten. Genau so lang dauerte unsere erste Trennung. So sehr ich mich auch auf die Zeit alleine gefreut habe, die Sehnsucht nach meinem Baby war riesengroß! Das Mamasein ist eine Übungssache. Das habe ich in den letzten Monaten gelernt. Doch auch das Abstandnehmen will gelernt sein. Mit ein wenig Übung wird es schon gehen, doch mein Bedarf an Alleinsein ist erst mal gedeckt. Bis zum nächsten Junggesellinnenabschied! 🙂

9 Kommentare zu „Das erste Mal ohne

  1. Liebe Bella, ist das wieder wunderschön geschrieben, immer wenn ich Deinen Blog lese, freue ich mich noch mehr auf meine kleine Maus und das Mamawerden. Liebste Grüße aus Schkeuditz

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