Der Wilde Westen, Teil II

Vom Abschleppen, tiefen Wäldern und ihren Bewohnern

 

Vögel zwitschern. Nicht weiter ungewöhnlich, doch es klingt so fremd. Nicht so wie die paar Amseln im Kastanienbaum vor unserem Schlafzimmerfenster. Aber auch nicht das vertraute Gezwitscher der Vögel auf dem Land. Irgendwie klingt es wie eine andere Sprache. Diese Gedanken kreisen in meinen Kopf, während ich versuche mich zu orientieren. Meine Augen halte ich noch einen Moment geschlossen. Dann fällt es mir ein. Wir SIND in einem anderen Land. In Kanada, Mitten im tiefen grünen Wald.
Erst am Vorabend sind der Babymann, der Kindsvater und ich mit unserem Monstrum, der Inge, auf den Campingplatz gerollt. Die Reise hier her war spektakulär. Unsere neue Umgebung konnten wir noch gar nicht erkunden. Und heute soll es schon weiter gehen?

Zwischen die Waldgeräusche mischen sich nun auch andere Laute. Ein Generator brummt, Geschirr klappert, Türen knallen, Menschen reden. Ich schau aus dem Fenster. War ja klar. Unsere Streber-Nachbarn aus Österreich kommen bereits aus dem Duschhäuschen und sind in Aufbruchsstimmung. Es ist nicht mal 7 Uhr! Irgendwie haben die eine andere Auffassung von Urlaub.

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Mitten in den tiefen grünen Wäldern Kanada’s.

Ich hüpf aus dem erstaunlich hohen Bett und setze Wasser auf. Bevor wir die weitere Reise planen brauch ich erst mal Koffein. Wie bei echten Campern gibt es den guten Instantkaffee, dafür aber mit herrlicher Aussicht. Die Jungs werden auch langsam wach. Zu dritt genießen wir unser Frühstück im Freien. Der Mini ist schon bis zu den Haarwurzeln voll mit Waldstaub und Tannennadeln, hält zwei kostbare Stöckchen in beiden Händen und schaut dabei verdammt glücklich aus.
„Ich will heute nicht schon wieder dieses Ding fahren“ maule ich mit Blick zur Inge „können wir nicht hier bleiben?“ Was ich mit „hier bleiben“ meine ist „für immer“, oder zumindest für die kommenden 15 Tage (dann bleiben mir zumindest Panikausbrüche am Lenkrad erspart). Was der Kindsvater versteht ist „für heute“ und willigt ein.

Die Rangerin kommt in ihrem großen Jeep angebraust. Sie ist wenig beeindruckt von unserem Gefährt, scheint völlig normal zu sein ein kleines Einfamilienhaus durch die Gegend zu fahren.
Wir können gerne noch eine Nacht bleiben, müssten aber an eine andere Stelle umziehen. Na gut, solange ich nur über den Campingplatz fahren muss, passt das.

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Der größte Abenteuerspielplatz der Welt!

Die Kaffeetassen und der Mini werden im Inneren der Inge verstaut. Mit einem Knopfdruck fahren wir das Wohnzimmer ein (da wäre selbst Harry Potter neidisch), ziehen alle Kabel und rollen los. Der Kindsvater winkt mich aus der Bucht. Wir sind die einzigen, die den Camper vorwärts eingeparkt haben, fällt mir dabei auf. Aber Rückwärtseinparken finde ich schon mit meinem normal-großen Auto schwierig.

Dank meines charmanten Assistenten schaffe ich es die knapp 10 Meter Stahl auf Rädern auszuparken. So weit, so gut. Mich überkommt ein kurzes Hochgefühl, als wir über den Campground rollen. Ist doch gar nicht so übel, das Fahren.

Unsere nächste Campingbucht liegt auf einem Hügel. Mit Schwung und Optimismus kommen wir oben an. Jetzt nur noch einparken, dann haben wir Urlaub. Und es ist nicht mal 10 Uhr.

Ich schlage das Lenkrad voll ein und trete noch mal auf’s Gas. Ein paar Meter geht es voran und dann … nix.

Ich trete weiter. Null Komma gar nix. Wir bewegen uns nicht mehr. Zumindest bewegt sich das Auto nicht mehr. Ich schon. Ich ruckel auf dem Fahrersitz mit Schwung vor und zurück, geh auf’s Gas und lass wieder los, schau in alle Spiegel und bekomme langsam Hitzeflecken. „Wir stecken fest!“ bestätigt der Kindsvater, was ich eigentlich auch weiß, aber nicht wahrhaben will.

Er hüpft aus dem Camper und verschwindet aus meinem Sichtfeld. „Sieht nicht gut aus“ lautet sein knappes Urteil. Das rechte Hinterrad hat sich in den trockenen Sandboden gebohrt und Inge’s Heck hängt unschön auf der Straße.

Unsere schwierige Ausgangslage bleibt nicht unbemerkt. Ein Campingnachbar kommt herbeigeeilt und begutachtet meine unfreiwillige Parkweise. Er bleibt nicht der Einzige. Nach und nach kommen immer mehr hilfsbereite Männer, die Hölzer und Keile anschleppen und mit vereinten Kräften an Inge schieben und zerren. Sie bleibt standhaft und rührt sich keinen Zentimeter.

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Inge steckt fest. Es geht weder vor, noch zurück.

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In der Zwischenzeit hat es begonnen zu regnen. Das erste mal seit Wochen. Wie gesagt, Timing ist unser Ding! Der Mini wird nach drinnen verfrachtet und fängt schon mal an unsere Koffer auszupacken, jedoch nicht so, wie ich es getan hätte. Egal, Hauptsache er ist beschäftigt.

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Babybespaßung an Board. Urlaub mit Kindern ist ja soooo schön.
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Vorteil an diesem Schuhwerk: 1. die Socken werden nicht nass, 2. meine Pediküre kommt perfekt zur Geltung.

 

Während der ganzen Zeit sitze ich eisern hinterm Lenkrad und nehme Befehle der pudelnassen Helfer an. „Anlassen! Ein bisschen Gas! Noch etwas. Stopp! STOOOOPP!!!“
Warum noch mal haben wir Campingurlaub für eine gute Idee gehalten???
Nach 90 Minuten steht Inge noch genau da, wo ich sie „abgestellt hatte“. Was für ein stures Biest!
Es hilft nichts, die herbeigerufenen Ranger rufen den Abschleppdienst. Wunderbar! Jetzt sind wir seit 15 Stunden Camper und müssen abgeschleppt werden. Läuft ja super!
Abschleppen gehört in Deutschland nicht zu den günstigsten Dingen, die man mit seinem Auto machen kann. Wie sieht es wohl in Kanada aus? Der Kindsvater hat das grade mal überschlagen und rechnet mit Kosten in Höhe von 4.000 Euro. Ganz abgesehen von den eventuellen Schäden am Camper. Er will gleich mal bei der Bank anrufen. Die Verteilung des Optimisten und Pessimisten ist in unserer Ehe klar geregelt, wie ihr seht.

Durch die grauen Regenschleier blinkt das Licht des Abschleppwagens.
Aus dem Wageninneren klettert ein Kerl mit Händen wie Klodeckel. Mit seinem ölverschmierten Muskelshirt sieht er aus wie Meister Propper, nur nicht so sauber. Ich habe sofort tiefstes Vertrauen in diesen Mann.

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Sieht so aus, als müsste Inge mit einen Kran herausgehoben werden …

Er geht auf die Knie und betrachtet den Schlamassel.

„Interesting“ mehr sagt er nicht. Ist wohl eher ein Mann der Taten. Zu dieser schreitet er auch gleich. Der Babymann sitzt auf meinem Schoß und ruft immer wieder verzückt aus „AUTTOOO“, die erwachsene Ausgabe steht im Regen und hat eine Horde Männer um sich gesammelt. Den Gesichtsausdruck kenne ich, da muss ich kein Wort hören und weiß, dass er gerade Sprechstunde hält. Wenigstens nutzt er die Wartezeit sinnvoll.

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Sprechstunde in kanadischen Wäldern.

Obwohl wir feststecken, wage ich es nicht meinen Fuß von der Bremse zu nehmen, denn Meister Propper liegt gerade unter Inge. Ich habe nicht die leiseste Ahnung, was er tut, doch nach einer weiteren Stunde erklärt er mir knapp, dass wir jetzt mal versuchen könnten rauszufahren. Ich will nicht! Was wenn ich sie wieder fest fahre? Einer der umstehenden Herren erklärt sich bereit, er sei mal Trucker gewesen. Er klettert hinter das Lenkrad. Die Spannung steigt bei allen Zuschauern, die sich mittlerweile an unserer Campingbucht versammelt haben. Der Zündschlüssel dreht sich, Inge erwacht zum Leben, sie ächzt und schaukelt und … tatsächlich, sie bewegt sich! Der Campingplatz bricht in Jubel aus. Geschafft! Wenigstens weiß jetzt jeder, dass „ze Jörmänns“ da sind. Der nette Trucker parkt die unversehrte Inge gleich rückwärts ein und zeigt mir, wie ich es beim nächsten mal richtig mache (Beim nächsten mal??? Ich fahr hier nie wieder weg!).
Dankbar und mit etwas Bauchschmerzen, angesichts der Kosten für dieses Abenteuer, gehe ich zu Meister Propper. Er und der Kindsvater sind bereits beim freundschaftlichen Händeschütteln und Schulterklopfen angelangt.

„Wir sind Ihnen so dankbar“ höre ich meinen Mann sagen, „was kostet ihre Mühe denn?“ „Schon okay!“. Mehr sagt er nicht!
„Wie, schon okay? Sie müssen uns doch sagen, was das kostet“ behaart der Kindsvater. Doch unser edler Helfer bleibt dabei. Er war eh gerade auf dem Weg sich einen Kaffee zu holen, den habe er hier bekommen. Also „alles cool!“ Ich möchte ihn umarmen und knuddeln und knutschen, bin mir aber nicht sicher ob er das auch möchte. Deswegen gibt es ein üppiges Trinkgeld und unseren unendlichen Dank.

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Camping im Wald. Doch gar nicht so übel.

Und plötzlich finde ich alles wieder schön.

Kanada schön.
Kanadier schön.
Camping auch schön.

Das Wetter passt sich meiner Stimmung an, der Regen verzieht sich, die Sonne kommt raus. Dann können wir ja heute doch noch unsere Umgebung erkunden.
Mit Babymann in der Trage brechen wir zu einer Wanderroute um die „Four Lakes“ auf. Eine Rangerin weist uns den Weg und warnt nochmal vor den Waldbewohnern. Den Berglöwen hätten sie zwar schon länger nicht mehr hier gesehen, doch auf die Bären sollten wir achten, die haben gerade Junge. Solang wir nicht zwischen Jungtier und Mutter kommen, sollte alles ganz fluffig sein.
Da bin ich nicht so überzeugt. Schon nach wenigen Schritten in den wirklich sehr dunklen Wald möchte ich umdrehen. „Wir haben ja nicht mal das Bärenspray dabei“ protestiere ich.

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Mein Mann ist da deutlich gelassener als ich. „Wird uns schon kein Bär fressen!“ sprach es und marschierte voran.

In mir wird eine Angst wach, die ich so nicht kannte.

Wie eine Ur-Angst. Ich schrecke bei jedem Geräusch auf, sehe überall Schatten und Bewegungen. Es kribbelt in meinem Nacken, mein Herz klopft bis zum Hals. So wird das nix. Ich kann so nicht wandern.

„Wir müssen einfach nur Krach machen“ erklärt der Kindsvater, „den mögen die Bären nicht!“ Also ermuntern wir den Babymann zu lauten Gejubel und Gebrüll und schärfen ihm ein, dass er uns warnen soll, wenn er einen Bären sieht. Da er „Bär“ noch nicht sagen kann, soll er einfach „Wau-wau“ rufen, wir wüssten schon was er meint.
Der verschlungene Wanderweg führt uns immer tiefer ins Dickicht.

Mir fallen sämtliche schlimme Märchen ein.
Was war das? Jetzt hab ich aber wirklich was gehört. Auch meine beiden Männer bleiben stehen und spitzen die Ohren. Ich trau mich nicht mal zu atmen, da ruft es neben mir laut „Wau-Wau!“ Ich springe dem Kindsvater in die Arme und kreische auf.

Der entgenkommender Wanderer schaut uns drei verdutzt an. Zu seinen Füßen trottet ein niedlicher Dackel.

Am Ende schaffen wir es tatsächlich unversehrt aus dem Wald, doch ohne Bärenspray bewege ich mich hier keinen Meter mehr, das schwöre ich feierlich.

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Der Baum sieht ja schon mal sehr friedlich aus.

Unser zweiter Campingtag neigt sich dem Ende. Wenn ab nun jeder Tag so ereignisreich sein wird, dann brauch ich erst mal drei Wochen Wellnessurlaub, sobald wir zurück sind.

Positiver Nebeneffekt dieser verrückten Tage ist, dass wir alle schlafen wie die Steine.
Nur kurz werde ich in dieser Nacht wach, weil der Camper hin- und herschaukelt. Sicher sucht der Kindsvater eine Wasserflasche und will das Licht nicht anmachen. Warum macht er denn so komische Kratzgeräusche? Leise rufe ich nach ihm. „Was ist denn?“ fragt seine schlaftrunkene Stimme. Neben mir!!!!

OH GOTT! Wenn er neben mir liegt, wer ist dann im Camper????
Instinktiv ziehe ich den Babymann schützend an mich. „Hörst du das nicht??? Was ist das? Sind die Türen verschlossen? Du musst nachsehen gehen!“ sprudelt es aus mir heraus. „Warum denn ich?“ „Weil ich das Mädchen bin!“ Dieses Argument kann er nicht von der Hand weisen.

Todesmutig steigt der Kindsvater aus dem Bett und schleicht auf Zehnspitzen durch das stockfinstere Wohnmobil.

Ich spähe aus dem Fenster. Das Kratzen wird lauter. Ich halt das nicht aus! Das ist zu viel für meine Nerven. Hat sich da gerade etwas im Wald bewegt? Etwas Großes? Ich kneife die Augen fest zusammen.

Der Kindsvater leuchtet mit einer Taschenlampe in die finstere Nacht. Da ist plötzlich Ruhe. Kein Schaukeln, kein Kratzen.

Das Blut rauscht in den Ohren. Unsere Herzen hämmern wie wild. Wie soll man jetzt noch schlafen können? Nur der Babymann schlummert friedlich weiter. Wenn der wüsste was hier los ist …

Als der Morgen endlich dämmert, sind wir einfach nur erleichtert. Wie die Pfadfinder schleichen wir um unser Wohnmobil und suchen nach Spuren. Ich kann da nichts Auffälliges erkennen. „Bella, komm mal hier her!“ Der Kindsvater zeigt auf das angelehnte Küchenfenster. Eindeutig. Auch ich sehe die schlammigen Tatzenabdrücke. Ziemlich groß. Ich bin ja kein Experte, aber Waschbären haben sicher kleinere Pfoten …

 

Wie unser „Abenteuer Kanada“ weiter geht, erfahrt ihr im nächsten Teil.

13 Kommentare zu „Der Wilde Westen, Teil II

  1. Oh Gott, das war sicher ein Bär, beim Lesen musste ich echt den Atem anhalten. Gut daß nichts passiert ist und wie nett ist das denn bitte. Der macht das wirklich für Kaffee und eben ein üppiges Trinkgeld, echt super nett
    Liebe Grüße

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    1. Was für ein wahnsinnig schönes Kompliment. Manchmal frage ich mich wirklich, warum ich so viel Arbeit, Liebe und Herzblut in ein Hobby stecke. Dann lese ich solch einen Kommentar, und da ist meine Antwort! Vielen lieben Dank!!!

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  2. Du hast in solches Talent, deine Leser in den Bann zu ziehen – du bringst sie zum Lachen, zum Feixen. Ich bin ansonsten kein Fan von Instagram und Co., aber dein Blog ist so ansteckend, so ehrlich, so aufrichtig und kein bisschen aufgesetzt. Kein vorgegaukelte heile Welt, einfach total echt. Ich liebe es, deine Zeilen zu lesen.

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  3. „Weil ich das Mädchen bin!“ 🤣🤣suuuper!! Du schreibst so ulkig, ehrlich und schön dass ich mich auf jeden neuen Post freue! Und auf den nächsten Teil vom Kanada-Bericht bin ich ganz gespannt! Danke!!

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