Das Kind in der Krippe, Teil II

„Wir hatten gesagt 15 Uhr. Sie sind zu früh.“

Dies ist der erste Satz, den uns die potentielle Tagesmutter entgegenschmettert. Es ist 14:58 Uhr.

„Bitte entschuldigen Sie, wir wussten nicht, wie lange wir hier her brauchen,“ stammle ich.
„Na gut, kommen Sie rein“ antwortet die blonde Dame, mit dem breiten russischen Akzent. Der Kindsvater signalisiert mir mit seiner Körperhaltung, dass er schon genug gesehen hat, bevor wir die Wohnung überhaupt betreten haben. Geht mir ähnlich. Trotzdem treten wir ein. Das will der Anstand so.

Wir stehen inmitten einer kleinen Neubau-Wohnung. Die graue Auslegware ist fleckig, die Wände sind kahl. Die wenigen Möbel im Raum sind lieblos zusammengestückelt, ein buntes Plastikgemisch in den Ecken enttarne ich als Spielsachen. Einer der Knirpse wird gerade auf dem Fliesenboden im winzigen Badezimmer gewickelt. Die anderen vier beäugen uns interessiert.

Der Kindsvater stellt den Babymann ab, mal schauen, ob er sich mit seinen „Artgenossen“ anfreundet.

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Anscheinend nicht. Die kleine Bande wetzt bereits ihre Plastik-Säbel.
Jedes Spielzeug, dass unser Mini erfreut aufhebt wird ihm aus den kleinen Händen gerissen. Er wird geschuppt, gehauen und geschimpft. Die Tagesmutti lässt die kleine Meute gewähren, mir juckt es in den Fingern.

Die Chemie stimmt einfach nicht, weder zwischen dem Babymann und der kleinen Meute, noch mit deren Aufsichtsperson, die mich an eine strenge Klavierlehrerin erinnert. Da hilft es auch nicht, dass sie uns versichert, alle Mahlzeiten seien halal.

Wir stellen noch ein paar Anstandsfragen. „Wie kommt es, dass ein Platz bei Ihnen frei wird?“ „Max hat Glüüüück. Kommt in Kindergarten.“ Da hat er tatsächlich Glüüück.

Wir sind auf der verzweifelten Such nach einem Krippenplatz in Leipzig. Aber so verzweifelt, dass wir unseren Mini irgendwo abgeben würden, sind wir dann doch nicht.

Nach wenigen Minuten verlassen wir die Tagesmutter. Der große Mann drückt den Babymann an sich „hier her geben wir dich nicht!“

Aber wohin denn dann? Seit über einem Jahr suchen wir eine Betreuung. Seit über einem Jahr kassieren wir eine Absage nach der anderen.

Bei einem meiner zahlreichen Telefonate mit Kitas wurde ich gefragt

„Sind Sie wenigstens alleinerziehend?“

Nee. Nicht mal das. Und deswegen stehen wir auf den Wartelisten auch ganz hinten. Ich höre Sätze wie:

„Es ist aussichtslos.“

„Geschwisterkinder haben Vorrang.“

„Wir hätten da was im August 2020. Soll ich Sie auf die Liste setzen?“

Dass die Krippensuche schwer wird, hatten wir gewusst. Mit diesem Drahtseilakt sind wir aber doch etwas überfordert. Im Februar endet meine Elternzeit und das ist auch gut so. Der Mini soll unter Kinder und ich würde gerne mal wieder für ein paar Stunden am Tag unter Erwachsene. So soll es doch auch sein. Ohne Krippenplatz, kann ich mir das abschminken.

Dabei lassen wir nichts unversucht. Wir telefonieren sämtliche Kindergärten ab, lassen uns auf Wartelisten setzen, fragen bei Freunden, Verwandten, Bekannten nach Tipps, lassen Kontakte spielen.

So wie uns, geht es zig Leipziger Eltern und sicher auch vielen anderen Eltern (vor allem in der Stadt).

Auf dem Spielplatz fange ich jetzt schon an Tagesmüttern mein Kind unter die Nase zu halten.

Ich komme mir vor wie eine Marktfrau, die kurz vor Schluss ihre überreifen Tomaten loswerden will.

Vor ein paar Tagen hat sich der Babymann einer kleinen Herde angeschlossen. Einfach so hat er sich im Sandkasten neben sie gesetzt und mitgespielt. Die Tagesmutter war dabei so lieb, symphatisch und aufmerksam mit ihrer kleinen Gang. Ich selbst wäre gern den ganzen Tag bei ihr geblieben. Ein Traum.

Hoffnungsvoll frage ich sie nach einem Platz in ihrer Herde. Sie hätte im Februar was frei. Bingo! Allerdings hat sie heute noch ein Gespräch mit anderen Eltern. Also erstmal abwarten.

DSC03794Wir tauschen Nummern aus. Ihre Betreuung heißt „Zwergenstube“ (Niedlichkeitsfaktor: oberniedlich) und ist genau in der Nachbarschaft. Das wäre der Jackpot!

Am Tag darauf schickt sie mir eine Absage per SMS. Die anderen Eltern haben sofort zugeschlagen. Kann ich verstehen. Ich fühle mich, als hätte man mit uns Schluss gemacht, bevor es auch nur richtig begonnen hat.

 

Und nun?

Tja, morgen haben wir mal wieder ein Vorstellungsgespräch. Der Kindsvater hat Kontakte spielen lassen.

 

Drückt uns die Daumen, dass wir unsere „kleine Tomate“ unter Leute bekommen.

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14 Kommentare zu „Das Kind in der Krippe, Teil II

  1. Furchtbare Situation, wir mussten auch ewig hinterher telefonieren, irgendwann hat es dann geklappt. Grundsätzlich läuft da schwer was verkehrt. Und nach euren Eindrücken war es wohl die richtige Entscheidung, nicht die Dienste der Dame in Anspruch zu nehmen

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      1. So schlimm wie bei euch ist es nicht, aber einfach so mal kurz vor knapp nen Platz suchen geht natürlich auch bei uns nicht. Die Nachfrage ist leider höher als das Angebot und das Vergabesystem ist der größte Mist überhaupt

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  2. Oh ja, das Problem kenne ich… Wir sind am Anfang von Gohlis nach Grünau gefahren… Es ist schrecklich! Aber so viel ich weiß gehen Geschwisterkinder nun nicht mehr vor. Das älteste Kind auf der Liste bekommt den Platz.
    Liebe Grüße
    Sylvi

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  3. Hallo, liebe Isabell,
    Wenn ich diesen Artikel lese, hat sich heute jede Minute gelohnt, auf den Babymann aufzupassen. Wie wahr du aus dem Leben schreibst. Es ist eine schlimme Situation, die in Leipzig, und bestimmt auch in anderen Großstädten, herrscht. Wir wünschen euch trotz aller Rückschläge viel Optimismus, dass es letztendlich klappt, dass der Babymann unter gleichaltrige Kinder kommt und neue Spielkumpels findet, mit denen er sein Spielzeug teilen kann. Und du hast völlig Recht, auch Tagesmutter können sich nicht alles erlauben. Egal, wie groß die Not der Eltern ist und !! Sie sollten wenigstens akzentfrei deutsch sprechen.

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  4. Pingback: Der Tagesonkel

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