Heiliges Blechle

Draußen dämmerte es bereits, obwohl gerade mal Nachmittag war. Am Küchenfenster baumelte ein Fensterbild von einer kleinen Kirche, oder vielleicht waren es auch Weihnachtsglocken. Daran erinnere ich mich nicht so genau. Woran ich mich jedoch ganz sicher erinnere ist der Duft nach warmen Plätzchen in der kleinen Küche meiner Oma Irma. Plätzchenbacken, eines meiner liebsten Weihnachtsrituale. Riesige Schüsseln voll mit süßem Buttergebäck. Gemeinsames Teigrühren mit vor Aufregung geröteten Wangen. Wir Kinder durften den dicken Teigklumpen in den Fleischwolf stecken. Oma hat mit aller Kraft daran gedreht und unten kam eine Teigwurst raus, je nach Schablone gewellt, oder gezackt. Mein Bruder und ich standen erwartungsvoll davor, an der Tischkante, schnitten den Plätzchenteig ab und legten ihn auf das Backblech. Mal mehr, mal weniger geschickt. Die Teigreste landeten sofort in unseren Mündern. Oma trug, wie heute noch, eine geblümte Schürze und hatte viel Geduld und Schokoglasur. Jedes Jahr auf’s Neue, das war unsere kleine Tradition.

Zwei Jahrzehnte später und 230 km entfernt stehe ich in meiner eigenen Küche. Alle Backzutaten liegen ausgebreitet auf der grauen Arbeitsfläche. Aus den Laptop-Boxen ertönt „In der Weihnachtsbäckerei“ von Rolf Zuckowski. Nennt mich kitschig, doch das muss sein! Das Plätzchenbacken gehört für mich in den Dezember, wie für andere das Lametta an den Baum. Also packe ich die erste Gelegenheit, die sich mir bietet, beim Schopfe. Der Kindsvater hat einen freien Tag und kann sich um den vier Monate alten Babymann kümmern. Ich schick die beiden an die frische Luft. „Er ist gerade satt und zufrieden. Pack ihn in den Kinderwagen und laufe durch den Park, dann schläft er schneller als du ‚Zimtstern’ sagen kannst“ versichere ich dem großen, der beiden Männer. Eineinhalb bis zwei Stunden Ruhe sollten mir nun sicher sein.

Zufrieden mit meiner guten Planung gehe ich ans Werk. Ich zünde ein paar Teelichte an, koche mir erst mal einen Kakao, den gab es bei Oma auch immer.

Einen Fleischwolf habe ich zwar nicht, aber dafür neue Ausstechförmchen und das traditionelle Familienrezept. Gerade lasse ich Vanillezucker in die Schüssel rieseln, als ich zum ersten mal aufhorche. Hat da gerade ein Baby geschrien, oder bilde ich mir das schon ein? Ich spitze die Ohren. Doch außer „zwischen Mehl und Milch, macht so mancher Knilch …“ höre ich nichts mehr. Gut! Nach und nach plumpsen alle Zutaten in die Backschüssel. Als ich gerade das zweite Ei aufschlage höre ich es wieder. Lauter diesmal. Fordernder. Ich will ja nicht paranoid sein, aber irgendwie klingt das nach meinem Baby. Ich wische meine mehligen Hände an der Schürze ab, schalte die Weihnachtsmusik aus und laufe in den Flur. Da kommen sie mir auch schon entgegen, meine beiden Männer. Beide mit roten Wangen, der eine von der Kälte der andere vom Heulen.

„Was ist denn los, hast du was vergessen?“

„Hier“ der Kindvater streckt mir das brüllende Baby entgegen „es klappt nicht.“

„Was bitte klappt nicht?“

„Na das Schlafen … Du hast gesagt, dass er in wenigen Minuten schläft. Tut er aber nicht.“
„Und deswegen bringst du ihn mir zurück?! Was soll ich denn machen, wenn ich mit ihm alleine bin und er nicht schläft? Soll ich beim nächsten mal auch zu dir in die Klinik kommen und sagen, nimm du, bei mir schläft er nicht?!?!“

„Ich weiß doch auch nicht. Vielleicht braucht er einfach dich!“

Ende der Diskussion.

Wir drei stehen im Flur. Der Kindsvater schält sich langsam aus seiner dicken Winterkluft, der Babymann strampelt wild in seinem Bärchenanzug und ich funkle beide wütend an. Einfach mal in Ruhe Plätzchen backen. Ist das etwa schon zu viel verlangt?

Voller Wut reiße ich meinen Mantel vom Haken, hüpf in meine Stiefel und stapfe samt Schrei-Bärchen die Treppen hinab.

„Hat nicht geklappt“, dass ich nicht lache. Dann gib dir halt Mühe! Wir sind doch nicht in einem Laden, wo es 14 Tage Garantie gibt, falls das Produkt nicht so funktioniert wie man dachte.

Mit energischen Schritten schiebe ich den Kinderwagen vor mir her in den Park. Im Wageninneren ist es ruhig geworden. Vielleicht traut sich der kleine Wutzwerg nicht mehr zu brüllen, hat wohl auch gemerkt, dass er mir gerade den Nachmittag verdorben hat. Es beginnt gerade zu dämmern. Ein paar Spaziergänger sind noch im Rosental unterwegs. Hier und da ein Jogger. Doch ansonsten bin ich alleine und schimpfe daher weiter vor mich her. Jedes Wort wird von einer kleinen Atemwolke ummantelt. Erst jetzt merke ich, wie kalt es geworden ist. Das frostige Laub knirscht leise unter meinen Stiefeln. Ich schlinge den Mantel fester um mich und stecke eine Hand prüfend in den Lammfellsack im Kinderwagen. Kuschlig warm.

Als ich das Ende des Parks erreiche, verlangsame ich meine Schritte. Wo laufe ich denn eigentlich hin? In der Ferne sehe ich einen warmen Lichtschein, mittlerweile ist es schon richtig dunkel und ich beeile mich, aus dem finsteren Park rauszukommen. Der Babymann schläft friedlich an sein Schäfchen gekuschelt. Na bitte. Geht ja doch.

Als ich wieder aufschaue entdecke ich das „Gohliser Schlösschen“ im Glanz von zahlreichen Lichterketten. Vor dem kleinen Stadtschloss steht ein riesiger Weihnachtsbaum und rundherum gruppiert sich ein kleiner Weihnachtsmarkt. Wie wunderschön. So ein hübscher Ort, direkt bei mir um die Ecke, doch in der Adventszeit war noch nie hier. Zielstrebig maschiere ich durch die Schlosspforte, unter den Rädern des Kinderwagens knirscht der Kies.

Ich atme tief ein, es riecht nach gebrannten Mandeln, Zimt, Gewürzen und Glühwein. Ganz in meine Nähe knistert ein Feuer in einer gusseiseren Schale. Menschen stehen am wärmenden Feuer, halten dampfende Becher in den Händen und wirken ganz entspannt. An einer der Stände hole ich mir eine heiße Schokolade, denn mein Kakao steht ja noch in der heimeligen Küche und hat mittlerweile sicher eine unschöne Haut. Aus den Buden ertönt Weihnachtsmusik, das typische Schellenklingen und Kindersingen. Davon bekomme ich nie genug. Weihnachtslieder dürften meinetwegen auf allen Radiosendern in Dauerschleife laufen.

Diese drei oder vier Wochen Vorweihnachtszeit vergehen immer so schnell. Alles rennt an uns vorbei. Und wir rennen mit. Immer wieder nehme ich mir vor das Jahr in Ruhe ausklingen zu lassen. Wie heißt es so schön? Zu entschleunigen. Und dann stopfe ich die Tage voller als eine Weihnachtsgans. Alles muss hübsch dekoriert sein, Adventskalender müssen befüllt und Karten wollen geschrieben werden. Die Suche nach DEM perfekten Geschenk treibt mich bereits im November um.

Nein, so geht das mit dem Advent nicht! Innehalten, zurückblicken, genießen. So geht es eigentlich richtig. Und was mach ich? Flippe völlig aus, weil der Nachmittag nicht so verlaufen ist wie ich es mir ausgemalt habe. Typisch Bella.

Dankbar schaue ich auf das schlummernde Baby. Wie gut, dass er mich noch mal rausgelockt hat, wer weiß ob ich ansonsten hier her gekommen wäre.

Mit einem Schokoapfel im Gepäck verlasse ich den hübschen kleinen Weihnachtsmarkt. Meine Wut ist verflogen. Durch die geschmückten Straßen von Gohlis trete ich den Heimweg an. Die prunkvollen Stadtvillen sind alle hell erleuchtet und wunderschön herausgeputzt. In den großen Fenstern leuchten rote Herrenhuter Sterne oder Schwibbögen aus Holz. Langsam laufe ich an jedem einzelnen Haus vorbei und spähe in die Wohnungen hinein. Wie ich das liebe.

Als ich Zuhause ankomme, hat der Kindsvater gekocht. Ein Friedensangebot in Sahnesoße. Spaghetti Carbonara. Keiner macht eine Carbonara wie er!

Der Plätzchenteig steht noch da, wo ich ihn vor zwei Stunden stehen gelassen hatte.
Eigentlich wollte ich ihn im ersten Moment meiner Wut in einer dramatischen Geste in den Mülleimer werfen. Hatte ich schon mal erwähnt, dass ich zur Dramatik neige? Der Kindsvater sagt immer, dass ich gerade beim Autofahren ein Temperament an den Tag lege, wie eine heißblütige Italienerin.

Doch hier hat glücklicherweise mein deutsches Naturell gesiegt. Sorgfältig wickle ich den Teigklumpen in Folie ein und packe ihn ins Gefrierfach.

Irgendwann werde ich den schon noch gebacken bekommen.


Diese kleine Geschichte habe ich – um es noch weihnachtlicher zu machen – in Versform gepackt. Ähnlichkeiten mit anderen Weihnachtsgedichten sind dabei rein zufällig!

 

Von drauß‘ vom Park da kommt er her.
Von drauß‘ vom Park da kommt er her;
Und muß mir sagen, „das Kind schreit sehr!
All das Schaukeln und all das Wiegen,
es will einfach nicht im Wagen liegen;“
Bereits draußen am Gartentor,
brüllte es heißern zu ihm empor,
Und wie er so strolcht durch den finstern Tann,
Da rief es mit heller Stimme ihn an:
„Vater“, rief es, „alter Gesell,
Hebe die Beine und spute dich schnell!
Die Mutter fängt bald zu backen an,
Die Ofentür ist aufgetan,
Mehl und Ei sollen nun
in einem süßen Teigklumpen ruhn;
Bring mich nach Haue zurück geschwind,
Glaube mir, hör auf dein Kind!“
Ich sprach: „Nimmst du mich auf den Arm?
Das Kind ist satt, der Wagen ist warm;
Hattest das Lammsäcklein auch bei dir?“
Er sprach: „Das Lammsäcklein, das ist hier:
Warm vom Scheitel bis zur Sohl,
da fühlt sich jedes Baby wohl.
— „Hattest den Nuckel auch bei dir?“
Er sprach: „Der Nuckel, der ist hier;
Doch scheint der nicht so recht zu schmecken,
er lässt ihn nicht im Güschchen stecken.“
Mit meinem Latein bin ich am Ende
ich gebe auf, heb resigniert die Hände.
Von drauß‘ vom Park komm ich grad her;
Ich muß euch sagen; jetzt schreit nix mehr!

3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Ach herrlich, komt mir gerade sooo bekannt vor! Bei uns gibts auch immer viel „ich glaube sie kann ohne Dich nicht schlafen – hier nimm Du sie mal…“ aber ist ja auch irgendwie schön, wenn die kleinen Mäuse die Mama so lieb haben, das entschädigt doch für viele schlaflose Nächte. Frohe Weihnachten!

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    1. mamabellita sagt:

      Das scheint tatsächlich bei den meisten so üblich zu sein. 😉 Gerade ist hier auch wieder eine ganz große Mama-Phase.
      Ich wünsche dir und deinen Lieben auch ein frohes Fest!

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  2. Phantasia sagt:

    Du bist der Knaller!!! 🙂

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