Der wilde Westen, Teil III

Von atemberaubenden Landschaften, viel zu schmalen Brücken und wütenden Truckern

„Wo sind all die Indianer hin? Wann verlor das große Ziel den Sinn?“ schmettern wir voller Inbrunst während wir durch die Prärie tuckern. Im wahrsten Sinne des Wortes. Wir werden von Pick Ups und Sattelschleppern überholt und irgendwann sind wir selbst für die vorbeiziehenden Radfahrer zu langsam. Wir haben es nicht eilig.

Es ist der sechste Tag in Kanada. Der Kindsvater und ich sitzen in der Fahrerkabine der Inge, der Babymann schläft einige Meter hinter uns in seinem Sitz. Durch die Windschutzscheibe blicken wir in die unendlichen Weiten. Dunkelgrüne Wälder, gewaltige Bergmassive, tiefe Schluchten und smaragdgrüne Seen, schöner als in jedem Bildband. Jeder Blick ist ein Foto wert. Und das schönste daran ist, mittlerweile kann sogar ich die schöne Landschaft sehen.
Mein Blick ist nicht mehr auf den Aspahalt getackert, meine Hände klammern sich nicht länger panisch an das Lenkrad. Langsam aber sicher bekomme ich ein Gefühl für die 4 Tonnen Stahl unter meinem Hintern. Wer weiß, vielleicht werden Inge und ich noch richtige Freundinnen.
Nur selten kommt uns ein Fahrzeug entgegen. Meistens Camper. Wir grüßen, so wie man auch die anderen Verrückten grüßt, die im Nieselregen durch den Park joggen. Doch die meiste Zeit sind wir allein. Käme jetzt allerdings eine Horde Indianer unter wildem Gebrüll über die nächste Bergkuppe geritten, es würde mich keinen Moment wundern. Diese atemberaubende Kulisse wäre der perfekte Ort für einen ordentlichen Western. Doch Indianer sehen wir keine, dafür galoppieren wilde Mustangs über die saftigen Weiden.

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Die stolze Inge, die eigentlich „Jayco“ hieß.
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Allein für solche Anblicke hat sich die Reise nach Kanada gelohnt.

In diesem Moment zweifle ich nicht länger an unserer Entscheidung mit dem Babymann nach Kanada zu kommen. Vergessen ist die Irrfahrt durch Vancouver, das Festfahren auf dem ersten Campground, der nächtliche Besucher am Camper.

Wir sind hier, wir sind frei, es ist herrlich.

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Einatmen. Ausatmen. Genießen!

Ein festes Ziel gibt es nicht. Wir rollen jeden Tag aufs Neue los und schauen, wie weit die Inge uns bringt, oder wann der Babymann keine Lust mehr hat stillzusitzen.
So sind wir auch hier gelandet, am Paul Lake. Der Campingplatz ist wenig besucht. Es gibt ein paar Parkbuchten. Jede hat einen Holztisch mit Bänken, eine Feuerstelle und einen Blick durch die riesigen Tannenbäume auf den glitzernden See. Mehr nicht. Kein Strom, kein W-Lan, kein fließend Wasser. So habe ich mir Kanada immer vorgestellt. Wir verbringen den Nachmittag am See, sitzen am Abend vor unserem Camper und essen Ravioli.

Gut, ehrlich gesagt klingt das jetzt abenteuerlicher als es eigentlich ist. Denn die Inge ist so ein Luxusweib, dass wir auf nichts verzichten müssen. Fließend warmes Wasser, Mikrowelle, Toilette. Ganze 3 Tage können wir „Glampen“ ([glämpän] Fachausdruck für glamouröses Campen) ohne Wasser oder Strom nachzuladen.

Des nachts ruckelt es schon wieder am Wohnmobil. Doch diesmal sind wir vorbereitet. Fenster und Türen sind fest verriegelt. Soll der Grizzly doch ruhig auf unserem Dach stepptanzen.

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Kaum ein anderer Mensch ist auf dem Campground am Paul Lake. Dafür jede Menge Waldbewohner.
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Paul Lake, nur einer von zahlreichen klaren Seen in British Columbia, Kanada.
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Viel weiter hätte ich mit Inge aber auch nicht zurückfahren dürfen …

 

Am Morgen starten wir ganz früh. Für unsere Verhältnisse zumindest. Wir wollen in die nächst größere Stadt um Vorräte aufzufüllen und ein großes kanadisches Frühstück genießen. Ich kann die Pancakes mit Ahornsirup förmlich schon riechen. Also sammeln wir unsere sieben Sachen ein und rollen nach Kamloops.

„Weißt du was?“ frage ich den Kindsvater, „das Fahren macht mir mittlerweile richtig Spaß!“ Wie sollte ich diesen Satz bereuen. Mehrmals!

Zum ersten mal an diesem Tag, als wir auf den Supermarktparkplatz einbiegen, der nicht für 10-Meter-Geschosse ausgelegt ist. Dieses Schiff durch die schmalen Parkbuchten zu zirkeln ist die eine Problematik, die nächste dann das Parken selbst. Ganze vier Parkplätze belegt unsere Inge. Doch das ist mir egal, denn wir stehen! Die schiefen Blicke der Passanten stören mich weniger.

In einem kleinen Diner gibt es erst mal Frühstück für die ganze Reisegruppe. Genau wie ich es mir vorgestellt habe. Üppig und süß. Während ich, mit meinem dritten Kaffee in der einen Hand, Nachrichten in die Welt versende, knüpfen meine beiden Männer schon wieder Kontakte. Keine zwei Minuten dauert das.

Nach dem Frühstück kommt der Großeinkauf. Na wenigstens müssen wir uns keine Sorgen um den Platz machen.

So, Bäuche voll gefuttert, Inge voll beladen. Dann kann es ja endlich weiter gehen.

Von unseren Nachbarn des vorletzten Campingplatzes bekamen wir nicht nur leckeren Wein geschenkt (zufälligerweise gehört Ihnen eines der größten Weingüter in Kanada, Sandhill, sehr zu empfehlen), sondern auch den Tipp in den „Wells Grey Nationalpark“ zu fahren. Für gute Tipps sind wir immer offen, denn wie ihr wisst, reisen wir wohin der Wind uns treibt.

Das Navi wird mit der nächsten Adresse gefüttert und schon rollen wir los. Für kanadische Verhältnisse ist hier in Kamloops (diesen Ort werde ich nie wieder vergessen) auf den Straßen ziemlich viel Verkehr. Das gefällt mir gar nicht. Es wird wirklich Zeit, dass wir wieder auf die einsamen Highways kommen. Meine Hände sind feucht, die Schulter gespannt, hoffentlich sind wir hier gleich weg. Das Navi leitet uns über eine Brücke, die „Red Bridge“ (auch die werde ich nie wieder vergessen). Langsam tuckern wir darauf zu, um das Schild besser lesen zu können. Das maximale Gewicht überschreiten wir nicht und von Breite steht da nix. Sieht trotzdem verdammt schmal aus, denke ich noch, doch da sind wir schon drauf. Umdrehen geht jetzt schlecht. Die rote, schmale Holzbrücke kommt mir endlos lang vor. Die Autos, die uns entgegenkommen, sind für meinen Geschmack auch viel zu schnell. Und überhaupt, wo habe ich uns denn hier reinmanövriert?
Ich halte die Luft an, vielleicht macht das etwas schmaler. Jeder Auto, das uns passiert, kann ich förmlich spüren, so dicht sind wir an der Gegenfahrbahn. Doch auf der anderen Seite schrammen wir schon fast an der Leitplanke und danach kommt nur noch Wasser! Das kann doch nicht funktionieren, oder? „Wieviel Platz habe ich noch nach rechts?“ frage ich den Kindsvater total hysterisch.
„Bestimmt noch einen halben …“

KRACH!

Oh Gott, was war das? Ich blicke nach links und sehe meine weit aufgerissenen Augen in Inge’s linkem Seitenspiegel. Moment mal, der gehört hier nicht hin. Was ist gerade passiert?

„Wir haben einen Truck gerammt“ kommt die Antwort vom Beifahrersitz. Ach du heiliger Bimbam! Was soll ich denn jetzt machen. Mit 200 Puls fahre ich von der Brücke, setze den Blinker und halte am Fahrbahnrand. Das ging alles so schnell, meine Gedanken rasen. Mit der Hand drücke ich den linken Seitenspiegel wieder auf seinen Platz zurück. Er hat einen Sprung, scheint aber ansonsten völlig intakt.
Oh Inge, es tut mir so leid!

In dem gesprungenen Spiegel sehe ich eine Frau auf uns zu kommen. Ich lasse das Fenster runter. „Hey Leute, ihr habt gerade einen Truck gerammt. Der Typ dreht und kommt zurück. Sieht gar nicht gut aus, seine ganze Seite ist offen“ erklärt sie uns. Verdammt, verdammt, verdammt! Ein weiterer Mann gesellt sich zu uns, „macht euch keine Sorgen, das passiert auf dieser Brücke hier ungefähr fünfmal am Tag!“ Hmm, das hilft uns jetzt auch nicht so wirklich.

Was macht eigentlich der Babymann? Erschrocken fahre ich herum und sehe ihn in seinem Kindersitz. Ganz ruhig, mit großen runden Augen. Ich klettere nach hinten, hole ihn aus dem Sitz und fange hemmungslos an zu schluchzen. So ein Scheiß! Seit 13 Jahren fahre ich unfallfrei und mein aller erster Unfall ist dann ausgerechnet mit einem 4-Tonnen-Schiff, mitten in Kanada.

Der Kindsvater ist ausgestiegen und wartet auf die Ankunft des schwarzen Trucks. Ich trau mich gar nicht auszusteigen. War das meine Schuld? War ich zu schnell? Bestimmt nicht! Zu weit links. Vielleicht.

Mit ein paar tiefen Atemzügen versuche ich mich zu beruhigen. Klappt nicht. Mit meinem Babymann im Arm steige ich aus. Der schwarze GMT steht hinter uns, der Kindsvater steht schon davor und redet mit dem Fahrer, der die ganze Zeit über nicht aussteigt. Zu mir dringen Wortfetzen, klingt nicht so nett.

Als ich ankomme stammle ich eine Entschuldigung. Immer wieder schluchze ich, weil ich so aufgebracht bin. Black Truck Man beeindrucken meine Tränen wenig. Bis dato haben wir nur nette Kanadier getroffen. Ohne Ausnahme. Bis jetzt.

Der kleine Mann, mit dem Stiernacken funkelt wütend zu mir hoch und spuckt seine Sätze förmlich aus, „warum kommt ihr verf***ten Touristen in mein verf***tes Land und fahrt diese verf***ten Wohnmobile?“ Das war noch das Netteste.

Wer weiß, vielleicht ist Black Truck Man ganz tief im Herzen auch ein richtig netter Kerl. Harte Schale, weicher Kern. Doch der linke Seitenspiegel, der traurig an der Tür des Trucks baumelt trägt wahrscheinlich nicht zu seinem inneren Zen bei.

Noch immer hickse ich Entschuldigungen. Mehr bring ich nicht raus.

Ganz anders der Kindsvater. Er ist verständnisvoll, wortgewandt und diplomatisch. Langsam beruhigt sich der kleine Mann. „Wir werden jetzt die Polizei anrufen, die regeln das schon“ schlägt der Kindsvater vor.

Black Truck Man wählt und stellt auf laut. „Da hat so ne deutsche Familie mit riesigem Wohnmobil meinen wunderschönen Truck zerstört“ grummelt er ins Telefon. Naja, zerstört finde ich etwas hart, denn außer dem Spiegel fehlt dem Truck nix.

„Sir, wurde jemand verletzt?“ fragt die Polizistin am anderen Ende.

„Ja, mein großartiger GMT“ empört sich Black Truck Man.

„Sir, sind Personen zu Schaden gekommen?“

„Nein! Aber mein Truck …“.

„Dann ist ja alles gut gegangen“ findet die Polizistin „für einen kleinen Schaden werden wir nicht anrücken. Bye.“

Das Handy von Black Truck Man fliegt einmal quer durch sein Auto. Das F-Wort kommt wieder sehr oft zum Einsatz und die dicke Ader an seiner Schläfe schwillt ungesund an.

Der Kindsvater redet weiter beruhigend auf den wütenden Kanadier ein. Naja, wenn er jetzt einen Herzinfarkt bekommt, dann ist er zumindest in medizinischer Betreuung, schießt es mir durch den Kopf.

Wir rufen Jutta von der Wohnmobilvermietung an. Black Truck Man ist auch zu ihr sehr unhöflich, geradezu „unkanadisch“. Nachdem Jutta vorschlägt, dass man die Schäden „50-50“ teilen könnte verliert er vollends die Fassung. Das Telefon fliegt, Jutta ist weg und ich presse den Babymann fester an mich, der während der ganzen Zeit still auf meinem Arm ist. Was der sich wohl bei dieser Szene denken mag?

Ich kann mir das nicht länger anhören und gehe ein paar Schritte zur Seite. Der Kindsvater hält stoisch den Posten. Macht Bilder für die Versicherung, tauscht Kontaktdaten und redet weiter beschwichtigend. Aus der Ferne kann ich erkennen, dass das tomatenrote Gesicht des kleinen Mannes wieder eine natürlichere Gesichtsfarbe angenommen hat. Der Babymann und ich gehen wieder etwas näher ran und ich traue meinen Ohren kaum.

„Na gut Leute, kann ja jeden mal passieren“ säuselt Black Truck Man. „lasst euch davon den Urlaub nicht verderben und genießt unser wunderschönes Land.“

Bitte was? Was hab ich verpasst??? Wurde hier gerade ne Friedenspfeife gepafft? Und wenn ja, was war da drin???

Die beiden Männer schütteln freundschaftlich die Hände. Es werden Schultern geklopft, Einladungen ausgesprochen. Noch einen Moment länger und wir sitzen beim einträchtigen Kaffeeklatsch zusammen. Wie macht der Kindsvater das nur immer wieder? An ihm ist ein richtig guter Politiker verloren gegangen.

Der kleine Mann steigt aus seinem Truck, holt eine Zange aus dem Kofferraum und trennt die Kabel vom Seitenspiegel durch. Achtlos wirft er ihn ins Wageninnere, steigt ein und wünscht uns noch einmal einen wunderschönen Urlaub. Und weg ist er.

Ich kann das alles nicht fassen. Wir klettern zurück in die Inge. Der Kindsvater reicht mir Schokolade „gut für deine Nerven!“ Und schon setzen wir die Reise fort. Japp, ich klemme mich tatsächlich wieder hinter das Lenkrad. Das ist wie beim Reiten, wenn das Pferd dich abwirft, dann steig wieder auf. Die Indianer wären stolz auf mich gewesen.

Dieses Abenteuer sollte nicht unser letztes bleiben. Denn wir hatten ja noch über zwei Wochen Urlaub vor uns.

Das weiß ich zu diesem Zeitpunkt glücklicherweise noch nicht und freue mich deswegen wie wahnsinnig, als wir am Ende dieses aufregenden Tages hier ankommen:

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Der Tag sollte doch noch wunderschön werden …
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… denn wir finden diesen Campingplatz, am „Dutch Lake“.
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Dieses kleine Paradies befindet sich im „Well Grey Nationalpark.“
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Und wir können quasi aus dem Bett direkt ins kühle Nass springen.

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Falls ihr mal in Kanada seid, haltet unbedingt hier an. Robin ist zudem die netteste Camphüterin. 🙂

 

Den vierten und somit letzten Teil unserer großen Kanadareise gibt es schon ganz bald.

Selbe Stelle, selbe Welle.

Schaltet wieder ein.

 

Eure Bella

2 Kommentare zu „Der wilde Westen, Teil III

  1. Das hat so große Freude gemacht. Ein schöner und toll geschriebener Artikel, der Lust auf mehr macht.

    Das macht Lust auf canada im Camper. 🙂

    Ich stöbere jetzt Teich mal in den anderen Artikeln von dir.

    Janina

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