Der Zwergenaufstand – die Geschichte des fliegenden Vitello tonnato

Da sitzen sie, im Schatten des Pavillons. Es ist Sommer auf Sizilien. Eine leichte Brise streift gemächlich die mächtigen Palmenblätter. Auf dem Tisch vor ihnen stehen beschlagene Gläser, mit eiskalten Getränken. Eiswürfel klirren. Er streckt die Beine relaxed von sich und zieht genüsslich an seiner E-Zigarette. Sie schiebt die Sonnenbrille ins glänzende Haar und streichelt verträumt über ihren kleinen Babybauch. Das perfekte Paar.

Beide sehen zu uns rüber. Wir; Vater, Mutter und Kleinkind mit Wutanfall.

Und ich sehe es an ihren Blicken. Weiß was sie denken, ohne dass sie ein Wort sagen müssen.

„Was für ein ungezogenes Kind“, werden sie denken.

„Dem gehört aber mal gehörig die Meinung gesagt!“

„Unser Kind wird nicht so ein zeterndes Balg!“

Warum ich diese Gedanken so genau kenne? Ich habe genauso gedacht!

Was war ich für eine tolle Mutter. In der Theorie!

Und dann kam die Praxis, auch bekannt als der Babymann. Warum hat mich keiner gewarnt, vor diesen sturen kleinen Kinderköpfen? Alles war so viel einfacher, bevor unser Sprössling anfing eine eigene Meinung zu haben. Darf man überhaupt schon eine Meinung haben, wenn man noch so klein ist? Sämtliche Entscheidungen die wir, seine Erziehungsberechtigten, treffen werden infrage gestellt. Das Reizthema an diesem besagten Morgen sind Aprikosen. „Nein“, erklärt meine bessere Hälfte zum wiederholten Male, „du kannst nicht alle Aprikosen auf einmal essen. Eine nach der anderen!“ WATSCH! Die süßen Früchte landen mit Schmackes auf der Terrasse. Alle! Ich schiele rüber zu Mr. und Mrs. Perfect. Sie lächeln süffisant und scheinen sich über unser Dilemma zu amüsieren.

„Ihr Narren!“, möchte ich am liebsten rüber schreien. „Glaubt ihr allen Ernstes euch wird es besser gehen?!“ Stattdessen lächle ich mit zusammen gebissenen Zähnen und nippe an meinen abgestandenen Cappuccino. Wir beschließen das Frühstück zu einem schnellen Ende zu bringen. Der kleine Wutbürger wird aus seinem Stuhl gehoben. Großer Fehler! Denn nun fängt er an die Glastür zum Restaurant auf- und zuzumachen. Auf und zu. Auf und zu. Die Kellner sind wenig begeistert. Sagt man nicht die Italiener seien so kinderlieb? Anscheinend hat ihre Kinderliebe auch eine Grenze: diese Glastür! Vor meinem geistigen Auge sehe ich schon wie alle Finger von der schweren Tür zerquetscht werden. Wir treten den Rückzug an. Mit schnellen Schritten, strampelndem Kleinkind unterm Arm und gesenktem Blick.

Diese kleinen Wutausbrüche kommen in letzter Zeit immer häufiger. Kurz bevor es passiert kann ich es in seinen Augen sehen. Dieses gemeine Funkeln, dann kommt der Kurzschluss. In diesen Situationen denke ich immer nur,

„hast du ein Glück, dass du nicht mehr in die Babyklappe passt!“

Der nächste Punkt auf der Tagesordnung ist schon eher nach dem Geschmack des Minis. Am Strand spielt er gedankenverloren mit seiner Schaufel. Türmt Berge aus Sand auf, tritt sie wieder ein und freut sich darüber, wie nur Kinder es können. „Ist er nicht wahnsinnig süß?“, frage ich den Kindsvater? Vergessen ist der frühmorgendliche Wutausbruch. Voller Liebe beobachten wir unseren Spross, wie er in seiner winzigen Badehose die Wellen jagt und einfach glücklich ist.

Wie beschließen einstimmig ihn wieder fürchterlich niedlich zu finden.
Bis zum Abendessen.

Zugegeben, das italienische Abendessen ist schon eine große Herausforderungen für die Minis. Essen wird erst ab 19:30 Uhr serviert. À la carte. Mit vier Gängen! Welche Eltern steht bei dieser Aussicht nicht der Angstschweiß auf der Stirn? Die meisten Abende läuft es ziemlich gut. Der Babymann isst leidenschaftlich, entdeckt seine Vorliebe für Oliven und bleibt bis zum Schluss in seinem Stuhl sitzen und malt. Entzückend wird er von den anderen Hotelgästen bestaunt. Dem Kindsvater und mir schwillt die Brust vor Stolz.

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Doch dann kommt dieser eine Abend. Die Laune des Kindes ist mies. Er will nicht so recht essen und wenn, dann nur mit den Fingern! Das Speiseangebot auf seinem Teller findet er kacke, also greift er auf unsere Teller. Die kleinen Finger schließen sich zielsicher um eine große Scheibe Vitello tonnato. „Nein!“ ruft der Kindsvater noch und versucht das Fleisch in köstlicher Thunfischsoße zurückzubekommen. Ein kurzes Gerangel, ein wütender Aufschrei des Babymannes und plötzlich beginnt die Antipasti zu fliegen. Wie in Zeitlupe beobachte ich die Flugbahn bevor die Speise mit lautem – PLATSCH – auf meinem Dekolleté landet.

Ich kichere nervös und schau mich zu den anderen Gästen um. Na klar, Mr. Und Mrs. Perfect haben das ganze Schauspiel beobachtet. Sie scheinen über mich zu lachen. Kein mitleidiges Lächeln, sondern hämisch! Die fiesen Frettchen!

Der Kindsvater hat sich unterdessen den Mini geschnappt und vom Ort des Geschehens abgeführt. Durch die großen Panoramascheiben sehe ich den beiden nach. Sie scheinen ein ernsthaftes Gespräch unter Männern zu führen.

Ich tunke meine Serviette in das Wasserglas und fange an die braune Soße von meinem hellen Kleid zu wischen. In dem Moment bete ich mir das Mantra vor, das alle Eltern in- und auswendig können:

„Es ist nur eine Phase. Das geht wieder vorbei!“

Ich wünsche mir, dass wir in zwei Jahren wieder hier sitzen und Mr. und Mrs. Perfect mit ihrem Spross beobachten können. Unser Mini wird ein ganz entspannter 4-jähriger sein (die Hoffnung stirbt zuletzt) und der Spross der Perfects ist im perfekten Kleinkindalter. Wenn die Antipasti von ihrem kleinen Balg durch den Speisesaal fliegt, dann bin ich es die lacht. Rache ist Blutwurst! Doch dann bestelle ich den beiden zwei große Ramazotti, denn ich weiß, die werden sie dringend gebrauchen.

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